Wilfried van Poppel lässt im Bremer Schlachthof „De Loopers“ wieder auferstehen

Neues von der Klassengesellschaft

Schule ist kein Ponyhof: „De Loopers“ in Aktion. ·
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Schule ist kein Ponyhof: „De Loopers“ in Aktion. ·

Bremen - Von Andreas SchnellNur aus ein paar scheinbar zufällig herumstehenden und -liegenden Stühlen besteht das Bühnenbild, ganz gewöhnlichen Stühlen, wie sie scheinbar seit Menschengedenken, in Wirklichkeit aber wohl eher seit den siebziger Jahren in deutschen Klassenzimmern stehen: schlicht, funktional und freudlos. Die Schule ist schließlich kein Ponyhof.

Und die, die in ihren Genuss kommen, sind eben auch keine Interessensgemeinschaft, wie das neue Stück der Jugendcompany unter der Leitung des Choreographen Wilfried van Poppel schnell deutlich macht: „I Rather Look Out Of The Window“ heißt es: Ich schaue lieber aus dem Fenster. Und schließt an Erfahrungen an, die wohl die meisten von uns schon gemacht haben. Der Unterricht ist manchmal langweilig, da schaut man eben lieber aus dem Fenster. Oder setzt die Konkurrenz des Schulwesens in einer anderen Sphäre fort: Statt möglichst guter Leistungen geht es dann manchmal darum, der oder die Beliebteste in der Klasse zu sein.

Das beginnt schon vor dem Unterricht: Nach und nach betreten die Schüler und Schülerinnen die Bühne, einige begrüßen sich freudig kreischend, die beiden jungen Männer zelebrieren eher cool ein komplexes Ritual, was das junge Ensemble mit viel Verve persifliert.

Und dann gibt es die Außenseiterin. Misstrauisch beäugt, spielt sie demonstrativ Desinteresse vor. Dann auf einmal: disziplinierte Haltung, synchrone Bewegungen. Schule ist Pflicht, die Regeln müssen zumindest vordergründig befolgt werden. Aber immer wieder finden die Tänzer und Tänzerinnen Freiräume. Um Kaugummi zu kauen, um sich geheime Botschaften zukommen zu lassen, aber auch um die grundlegenden Kulturtechniken des Lesens und Schreibens um die dritte des Abschreibens zu ergänzen.

Da kommt man sich im Publikum wie ein Lehrer vor, der vor sich lauter junge Menschen sitzen hat, die jede unbeaufsichtigte Sekunde zum Quatschmachen nutzen.

Aber auch in den Pausen setzt sich fort, was im Unterricht begann. Grüppchenbildung, Ausgrenzung, ein Duett zweier Kampfhähne. Und irgendwann hält es einer nicht mehr aus: „Es reicht!“, schreit er und schmeißt die Stühle um, einer fliegt sogar von der Bühne und kommt nur knapp vor den Füßen der Zuschauer zum Liegen.

In der letzten Szene sehen wir die Schüler und Schülerinnen schließlich zu lauter Rockmusik tanzen, erst noch synchron, dann aber befreit, ganz individuell. Nur ein Mädchen bleibt außen vor. Sie macht einen Schritt auf die Gruppe zu – ob das etwas ändern wird, erfahren wir nicht mehr. Das Licht geht aus.

Ein gelungener Neubeginn der Jugendcompany von „DE LooPERS“, die nach mehrjähriger Pause nun in Zusammenarbeit mit dem Theater Schlachthof diese kurzweilige, aber durchaus hintergründige Produktion auf die Beine gestellt hat. Schade nur, dass nach der Premiere am Dienstag fürs erste keine weiteren Aufführungen auf dem Programm stehen. Aber laut Tobias Plug vom Schlachthof soll sich das noch ändern.

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