Warum nicht weniger falsch?

Neuer Band mit Kolumnen aus dem „TRUST“-Fanzine

Das neue Buch von „TRUST“-Herausgeber Dolf Hermannstädter
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Buchumschlag von „Warum dauert es so lange, bis es besser wird?“

Seit mehr als 30 Jahren schreibt Dolf Hermannstädter alle zwei Monate im „TRUST“, was ihn gerade umtreibt.

  • Das „TRUST“ ist eines der ältesten Punk-Fanzines der Welt.
  • Dolf Hermannstädter ist von Anfang an dabei.
  • Oft provoziert er mit seinen Kolumnen.

Seit 1986, also nunmehr fast 35 Jahren, erscheint das Fanzine „TRUST“, zunächst in Augsburg, seit Ende der 90er-Jahre in Bremen. Im Februar feierte das Heft seine 200. Ausgabe.

Fanzines, das sind Magazine von Fans für Fans, im Selbstverlag erstellt und veröffentlicht, wobei sie in der Regel fest in Subkulturen verankert und dort bis heute ein wichtiger Reflektionsort für szeneinterne Diskussionen sind.

Gegen die Kommerzialisierung der Subkultur

Vor allem in Punk- und Hardcore-Zirkeln sind sie zentrale Orte der Selbstverständigung. Die Neigung, sich außerhalb des Medienbetriebs zu verorten, ist hier besonders stark ausgeprägt, schließlich versteht man sich dort recht grundsätzlich in Opposition vor allem zur Kommerzialisierung der eigenen Subkultur, aber – je nachdem – auch zu Phänomenen wie Massentierhaltung, Faschismus und Rassismus und etlichem mehr.

Integraler Bestandteil der Fanzine-Kultur sind dabei seit jeher Kolumnen, in denen frei von Formzwängen, Aktualitätsdruck und Längenvorgaben verhandelt wird, was die Autoren so umtreibt. „TRUST“-Herausgeber Dolf Hermannstädter, der das alle zwei Monate, bis heute in archaischer Schwarz-Weiß-Optik erscheinende Heft seit Ende der 90er-Jahre herausgibt, schreibt seit der Stunde Null Heft für Heft auf, womit er sich beschäftigt.

Radikal zugespitzte Thesen im „TRUST“

Seine Kolumnen sind insofern in ihrer Kontinuität eine aufschlussreiche Chronik dessen, was in der Hardcore-Szene Thema ist. Der politische Anspruch der Subkultur weist dabei immer über sie selbst hinaus. Wie schon im vor etwas mehr als zehn Jahren erschienenen Buch „Got Me?“ mit den Kolumnen der ersten zehn Jahre des Magazins, geht es deshalb in „Warum dauert es so lange, bis es besser wird?“ von der Wahl des richtigen Tabaks über die Piraterie vor der Küste Somalia bis hin zum Universum und dem ganzen Rest – sozusagen. Nur von Musik, die ja dann doch so etwas wie der Kitt der Szene ist, handeln die Texte in diesem Band beinahe gar nicht.

Manches bleibt dabei Entwurf, oft setzt Hermannstädter radikal zugespitzte, provokante Thesen in die Welt – und überlässt es seinen Lesern, sich einen Reim darauf zu machen. Sind beispielsweise wir Nutzer von Mobiltelefonnutzer nicht ein bisschen wie die Sklaven, die einst die Pyramiden bauten? Schließlich wirtschaften auch wir „einem großen, mächtigen Konzern in die Tasche, ohne zu merken, wie sie ausgenutzt werden“.

Wie kann man es besser machen?

Wie in einer Gesellschaft zu leben wäre, in der das Streben nach Gewinn, oft zum Schaden anderer, die Regel ist, stellt so etwas wie den Kern von Hermannstädters Überlegungen dar. Vegetarismus, Ehrlichkeit, Kritikfähigkeit, nachhaltiger Konsum bilden dabei Eckpfeiler seiner Ethik. Konkret: Warum Wasser in Plastikflaschen kaufen, wenn es aus dem Wasserhahn besser, billiger und ökologischer ist? Vermeintliche Gewissheiten in Frage zu stellen, ist dabei eine der Konstanten in seinen Kolumnen. Dem markigen Antifa-Aufruf zum „Nazis boxen“ setzt er entgegen: „Keiner, der von was überzeugt ist, wird sich durch Prügel von seiner Meinung abbringen lassen.“

Dass dabei manches Thema immer wieder auftaucht, ist, salopp gesagt, nicht der Fehler des Autors, sondern der Welt um ihn herum. Der Titel des Bandes deutet ja schon an, dass es im Mikrokosmos Punk wie in der Welt drumherum immer noch was zu tun gibt. Dass es nicht genügt, das eigene Verhalten und Denken zu ändern, versteht sich beinah von selbst. Für Hermannstädter ist allerdings klar: Zumindest „ein weniger falsches“ Leben im Falschen könnte schon drin sein. Und das versteht er durchaus als Aufruf: „Also mach!“

Lesen

Dolf Hermannstädter: „Warum dauert es so lange, bis es besser wird? Hardcore, Punk, Evolution“, 200 Seiten, 16 Euro, Ventil-Verlag.

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