Konzertreihe „Improvisationen“ feiert 30. Geburtstag

Neues aus der Forschungsabteilung

Geboren in Berlin im US-Bundesstaat Vermont, heute ansässig in der Bundeshauptstadt Berlin: Die Trompeterin Liz Allbee.
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Geboren in Berlin im US-Bundesstaat Vermont, heute ansässig in der Bundeshauptstadt Berlin: Die Trompeterin Liz Allbee.

Bremen – Es klingt beinahe paradox, wenn eine Konzertreihe nach 30 Jahren zur 200. Ausgabe einlädt und keiner weiß, was gespielt wird. Allerdings heißt die nämliche Veranstaltung „Improvisationen“, das Unvorhersehbare ist ihr somit eingeschrieben. Hainer Wörmann, Gitarrist, Improvisator und Komponist, bezeichnet die improvisierte Musik als „Forschungsabteilung“.

Ihre Anfänge hat die freie improvisierte Musik in den frühen 60er-Jahren. Ihre Protagonisten kamen aus dem Jazz. „In England, den Niederlanden und bei uns gab es junge Musiker, die sehr fasziniert vom amerikanischen Free Jazz waren, von Albert Ayler, John Coltrane, Eric Dolphy und anderen. Die sind dann auf die Idee gekommen, dass es Unsinn ist, das zu kopieren. Also haben sie einfach drauf losgespielt. Der englische Schlagzeuger John Stevens hat schon Mitte der 60er-Jahre seinen Mitmusikern gesagt, ich möchte, dass wir so spielen, als hätte Anton Webern das für uns komponiert.“

Die Schnittstellen zu anderen Spielweisen haben sich über die Jahre noch vervielfacht. Neue Musik, Noise und Rock-Musik, aber auch experimentelle Elektronik sind heute in der Szene selbstverständlich. Und auch Einflüsse aus anderen Regionen der Welt. So arbeitete der 2002 verstorbene deutsche Bassist Peter Kowald lange mit der Sängerin Sainkho Namtchylak aus der autonomen russischen Republik Tuwa zusammen, die den traditionellen Kehlkopfobertongesang ihrer Heimat in die freie Improvisation überführte. Während der schwedische Saxofonist Mats Gustafsson und der norwegische Schlagzeuger Paal Nilssen-Love mit dem äthiopischen Krar-Spieler Mesele Asmamaw aufnahmen. „Wenn die Musiker miteinander kommunizieren wollen, dann müssen sie gar keinen gemeinsamen Hintergrund haben“, sagt Wörmann. „Und wenn es verschieden ist, wird es manchmal gerade interessant. Natürlich gibt es manchmal Kombinationen, wie zum Beispiel Computer und Trompete, wo es am Anfang nicht funktioniert hat. Aber drei Jahre später hatten die Musiker es dann raus, wie es geht.“

„Es geht ums Suchen und Finden. Und wenn die Konzerte gut sind, wird mehrheitlich gefunden. Und wenn es mal nicht so gut ist, dann wird auch viel gesucht, so hat es Derek Bailey formuliert“, sagt Wörmann. Dabei muss es keineswegs immer nur um spontane Klangerzeugung gehen. Wörmann erinnert sich an ein Projekt, wo er drei Abende lang Soli spielte. „Zu jedem Solo kam dann jemand dazu, der kein Musiker war. Einer hat gekocht, einer hat seine Texte gelesen, einer hat einen Film gezeigt, eine hat sich geschminkt und so weiter.“ Diesen interdisziplinären Geist hat er auch in die „Improvisationen“ getragen, die sich als „Reihe für Freie Improvisierte Musik und andere Künste“ versteht. Auch wenn die Musik im Fokus steht, gab es auch schon Begegnungen mit Tänzern und Performance-Künstlern.

Die Anfänge der Veranstaltungsreihe „Improvisationen“ liegen in den späten 80er-Jahren. Vor den „Improvisationen“ gab es den freien Flug der Ideen im Café Grün, wo Szene-Größen wie John Zorn, Arto Lindsay und Fred Frith auftraten. Ein geräuschempfindlicher Nachbar machte den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung. „Da gab es eine Lücke“, sagt Wörmann. „1989 hab ich deshalb einen Antrag an die MIB geschrieben, und dann haben die beschlossen: Das finden wir gut. Wir haben einen kleinen Etat bekommen und dann 1990 im Naturfreundejugendhaus in der Buchtstraße angefangen.“ Die Musikerinneninitiative Bremen residierte damals noch in der Weserburg, seit 1993 wurde dann in den neuen Räumen der MIB am Buntentorsteinweg unter der Städtischen Galerie improvisiert. Dabei gibt es in der Regel zwei Teile: Im ersten improvisieren die Gäste, im zweiten Teil kommt es zu Begegnungen mit Bremer Künstlern. Es gibt aber auch feste Formationen, die so toll seien, dass es keinen Sinn ergebe, sie zu einer Begegnung einzuladen, erklärt Reinhart Hammerschmidt, Bassist und beinahe von Anfang an der Planung der Reihe beteiligt.

Zum Geburtstag haben sie hochkarätige Gäste der internationalen Improv-Welt eingeladen: die französische Alt-Saxophonistin Christine Abdelnour, die amerikanische Trompeterin Liz Allbee und den in der Schweiz lebende polnische Kontrabassist Alexander Gabrys. Für spannende Begegnungen ist gesorgt. Ob nicht nur gesucht, sondern auch gefunden wird, weiß man dann heute Abend.

Hören

30 Jahre Improvisationen, Donnerstag, 18 Uhr, 19.30 und 21 Uhr, Wilhelm-Wagenfeld-Haus, Innenhof; Freitag, 15 Uhr, 16.30 und 18 Uhr, Gerhard-Marcks-Haus, Außenterrasse, Bremen.

Von Rolf Stein

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