Neues Album der Sängerin Gabriele Hasler

Sprachmusik

Die Bremer Jazz-Vokalistin Gabriele Hasler ·
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Die Bremer Jazz-Vokalistin Gabriele Hasler.

Bremen - Von Rainer Beßling. Spitz schnellen die Vokale auf, die Konsonanten trommeln „bits of bits“. Aus geheimnisvoll verschleierten Höhenlagen erklingt „cui bono?“.

Die Silben der Schlüsselfrage purzeln durcheinander, während das Klavier auf- und abwärts pendelt. Auf einem Ton, in der instrumentalen Begleitung immer wieder neu gedeutet, wird das Wort „Atmung“ in Anagrammen zum Meditationsgegenstand. Ein Klangholz im Offbeat markiert den Puls einer Variation mit „fish“. Das deutsche Wort im Ohr, ist der Weg vom „shall“ über das „sell“ zu „selfish“ nicht weit. Wer „salt“ sagt, darf „sugar“ nicht verschweigen, der „filled fish“ führt zum „felt fish“, gefühliges „cosy, rosy, nosy“ schmeichelt sich ein, und schon bald hängt wieder ein neuer Klang an der Angel.

Gabriele Hasler lauscht der Sprache Musik ab. Melodien wachsen aus Buchstaben und Wörtern, Betonungen verwandeln sich in Grooves, Klänge bilden sich im Dialog von Text und Ton. Der Vortrag schillert zwischen Rezitativ und Rezitation, der Gesang ist befreit aus dem Dienst am Wort. Über den kantablen Gehalt schält die Bremer Sängerin in ihrer grandiosen neuen CD „Im Bauch der Vokale“ aus der Sprache das Schräge und Schöne, das Skurrile und Sinnreiche. Erstmals spielt sie hier selbst Klavier, erstmals trägt sie eigene Gedichte vor. Das Album schlägt einen weiten Bogen von der Lyrik über die Lautpoesie bis zu vokalen Kunststücken. An phonetische Verwandtschaften und Paradoxien angedockt, aus Improvisationen und funkensprühenden Assoziationen entwickelt, haben die Kompositionen eine durchgeformte Gestalt angenommen. Die atmende Körperlichkeit ist erhalten geblieben, ebenso wie die Jazz-Phrasierung, das unverwechselbare Timbre, der Esprit von Gabriele Hasler. Dies ist ihr bislang persönlichstes Album, das die Summe ihrer Erfahrungen in verschiedenen Genres widerspiegelt.

Neben einer Hommage an Oskar Pastior gibt es ein Liebeslied und Liebesende-Lied. In „Lenas Frühlingsbrot“, das in einem ebenso empfindsamen wie präsenten Sprechgesang das Anderssein reflektiert, greift die Sängerin ein Gespräch mit der Tochter auf. Dann schlüpft Hasler in die Rollen großer Frauen („Honigmilch“), visiert deren Persönlichkeiten und Schicksale an. Und sie greift auf Sprachperlen zu, die durch die Frühzeit der Digitalisierung in den Alltag gespült worden sind: eine Gebrauchsanleitung für eine japanische Digitaluhr, sinnfreie Lautanlagerungen, die nun gebetsmühlenartig eine „hymnesie“ bilden. In „everybody“ baut sich über ein Konjugationsschema eine Korrespondenz der Wörter „did“ und „dig“ auf. Das Tun und Mögen als Massenveranstaltung wird chorisch gesteigert, eine hochfahrende Stimme feiert das „everybodig“, die Ekstase steigert sich in Gruppeneuphorie und einer Offerte an alle. Gabriele Hasler nimmt eine Ausnahmeposition in der Gesangskunst ein.

Gabriele Hasler: Im Bauch der Vokale. Foolish Music

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