Neues Album der Bremer Gambistin Hille Perl: „Born To Be Mild“

Alte Musik „plugged“

+
Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Alte Musik braucht alte Instrumente, sonst ist sie nicht alt. Seit Jahrzehnten bemüht man sich deshalb um Rekonstruktionen barocker Klangkörper und Bögen, forscht zu Spieltechniken und natürlich auch zur historisch informierten Aufführungspraxis. Es ist nicht immer ganz klar, was Antrieb und Ziel dieses Strebens ist: die Sehnsucht nach einem authentischen Musikerlebnis aus einer Zeit vor aller Klang- und Reizüberflutung? Oder eine Hoffnung auf die inspirierende Kraft der Geschichte? - Von Johannes Bruggaier.

Die Bremer Gambistin Hille Perl gehört zu Deutschlands wohl bekanntesten Interpretinnen der sogenannten Alten Musik. In der Historischen Aufführungspraxis, sagte sie einmal, sehe sie die Voraussetzung, damit die überlieferten Werke in all ihren Potenzialen überhaupt mit ihrem Hörer kommunizieren können. Doch das geht offenbar auch anders: Bei Sony ist jetzt ihr neues Album erschienen. „Born To Be Mild“ heißt es, und die unverkennbare Anleihe beim „Steppenwolf“-Klassiker verrät, dass hier etwas anders ist als sonst.

Alte Instrumente, das stimmt hier noch zur Hälfte. Die Gambe stammt aus dem 21. Jahrhundert, an ihr hängt ein Kabel und am Kabel ein Verstärker. Lee Santana, Lautenist und Ehemann, steht an der E-Gitarre, Tochter Marthe – auch sie eine Gambistin – ist ebenfalls „plugged“.

Das Ergebnis ist spektakulär. Fünf Jahrhunderte alte Musik von Diego Ortiz, geprägt von der Ornamentik der Renaissance, entfaltet im elektronischen Gewand eine ungeheure klangliche Wucht. Der Dialog zwischen Gambe und E-Gitarre, die einander mit Solo und Begleitstimme abwechseln, entwickelt sich zu einem spannungsreichen Wechselverhältnis von Vergangenheit und Gegenwart. Wobei sich niemals mit Gewissheit sagen lässt, aus welcher Stimme welche Perspektive zum Vorschein kommt.

Großartig ist, wie Santana und Perl in ihrem Spiel barocke Phrasierungstechniken bedenkenlos ins elektronische Klangbild überführen und so manche wunderbar irritierenden Momente erzeugen. Das gilt umso mehr für Musik unserer Zeit wie „Palhaco“, ein Stück des brasilianischen Musikers Egberto Gismonti oder auch manche eigene Komposition von Lee Santana aus dem Jahr 2014.

Gambenmusik am Verstärker, das ist auch die unvermutete Entdeckung mancher Wurzel des Rock‘n‘Roll: Ausgerechnet in elegischen Werken wie Thomas Humes auf 1605 datiertem „Touch me sweetly“ werden Anklänge zu mystisch dunklen Motiven der späten Led Zeppelin greifbar. Ganz subtil kommen solche Überraschungen zum Vorschein, und gerade in dieser Beiläufigkeit liegt die Kraft dieser Einspielung.

Nur einmal wollen die drei zu viel. Ein Stück von Antoine Forqueray aus dem Jahr 1746 erklingt mit krachenden Gitarrenakkorden in der Begleitung, schließlich mündet es gar in eine doch mehr wilde denn milde Rocknummer. Es gehe darin immerhin um Zeus, erklärt Perl im Booklet diesen gewöhnungsbedürftigen Zugriff. Und ein Gott, der Blitze schleudert, der lässt sich nun mal nicht im Pianissimo vertonen.

Hille Perl: „Born To Be Mild“, Sony Music, 17,99 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Wenn Kids Eltern die rote Umweltkarte zeigen

Wenn Kids Eltern die rote Umweltkarte zeigen

Das Autointerieur wird nachhaltiger

Das Autointerieur wird nachhaltiger

Biathlon-WM 2020: Die besten Bilder aus Antholz

Biathlon-WM 2020: Die besten Bilder aus Antholz

Mit diesen Kartoffeltricks kochen Sie die Knolle noch leckerer

Mit diesen Kartoffeltricks kochen Sie die Knolle noch leckerer

Meistgelesene Artikel

“Bayern 3“-Hörer empört über „Panikmache“ - Wetter-Expertin reagiert deutlich

“Bayern 3“-Hörer empört über „Panikmache“ - Wetter-Expertin reagiert deutlich

Hilfloses Traumwesen

Hilfloses Traumwesen

Gesellschaft für Aktuelle Kunst zeigt erste Einzelausstellung von Kristina Buch

Gesellschaft für Aktuelle Kunst zeigt erste Einzelausstellung von Kristina Buch

Gibt es „schwarzes Bewusstsein“?

Gibt es „schwarzes Bewusstsein“?

Kommentare