Kompositionsprofessor Jörg Birkenkötter stellt sich in Bremen mit einem Konzert vor

Neuer Vorstoß ins Unberechenbare

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Jörg Birkenkötter

Bremen - Von Ute Schalz-LaurenzeIm gut besuchten Konzert in der Hochschule für Künste stellte sich der 1962 geborene Jörg Birkenkötter als neuer Professor für Komposition vor: Er tritt in „große Fußstapfen“, wie der Rektor Manfred Cordes inbezug auf Birkenkötters Vorgängerin Younghi Pagh-Paan meinte.

Dass er die nicht fürchten muss, zeigten alle Stücke eindrucksvoll. Dabei scheint der Schüler von Nikolaus A. Huber und Helmut Lachenmann in der Herangehensweise ans Komponieren geradezu das Gegenteil zu sein. Während Pagh-Paan sich von literarischen Vorlagen inspirieren lässt, entfaltet Birkenkötter sein Material und seine Klangfantasien aus spröden technischen Vorgaben formaler und akustischer Art und er macht daraus sogar die Titel: „Spiel und Abbruch“ (für Ensemble) heißt eins, „Schwebende Form“ (für Ensemble), „Vorgespräch über Fragment“ (für Sopran und Klavier), „Schwebung und Strenge“ (für Klavier) und „Paysage neuf“ (für Schlagzeug solo) andere.

Aber das will natürlich gar nichts heißen, und schon mal gar nicht etwas Wertendes, es ist einfach eine Tatsache. Hinzu kommt: Birkenkötter schöpft ohne Berührungsängste aus der Tradition, schafft es immer, aus scheinbar vertrauten Strukturen und Klängen Neuland herauszuschlagen – klangliches und strukturelles. Das ist in jedem Augenblick spannend. Wenn etwa in „Schwebende Form“ Trillerketten, Oktavfelder und tonale Flächen in poetischen und geheinnisvollen Klangfeldern landen, die Birkenkötter „horchend ins Offene“ nennt. Für „Schwebung und Strenge“ nutzt er das Anfang des 20. Jahrhunderts erfundene dritte Pedal des Steinway-Flügels, um die Präsenz des Tones zu verlängern – womit er auch die Geschichte des Instrumentes einbezieht – und erreicht dichte Atmosphären von großer und unabhängiger Zartheit: Dies wird auch besonders durch die sensible Intensität der Pianistin Hwa-Kyung Yim. Gerade dieses Stück klingt seriell, ohne es zu sein und dringt weit vor in fantastische Klangreiche.

In „Vorgespräch und Fragment“ will Birkenkötter neben dem Sopran und dem Klavier die „Illusion eines dritten, singenden Instrumentes“, wie er sagte, erreichen. Die fabelhafte Sängerin Ksenija Lukic sang ihre hohen Töne in den Flügel und die entsprechende Resonanz ergab diese dritte Stimme: eine schöne Offenheit, verbunden mit einem poetischen Eindruck vom Innern der Klänge. Ein weiterer Versuch, aus bekannten Klanglichkeiten ins Offene und Unberechenbare hervorzustoßen, unternimmt er mit „paysage neuf“ für Schlagzeug solo. Und Birkenkötters einizges Stück mit Elektronik führt in „Spiel und Abbruch“ die Prozesse über Elektronik in den Raum und erreicht schöne Ränder der Wahrnehmungfähigkeit So begegnet uns aus diesen eher trockenen Grundlagen ein explosiver, immer unerwarteter Klangreichtum.

Der Abend wurde fast ausschließlich durch Hochschulstudenten unter der Leitung von Christian Günther realisiert: Dass ein solches Niveau heute selbstverständlich ist, zeigt den bewundernswerten Stand der Hochschule für Künste im Musikleben dieser Stadt.

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