Viel Mut in Niedersachsen

Neuer Leiter der Musiktage stellt Programm vor

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Besuch aus Hannover: Die NDR Radiophilharmonie bringt Clara Schumann zum 200. Geburtstag ein Ständchen in Stuhr. 

Ein mutiges Programm – in mehrfacher Hinsicht: Gestern wurde vorgestellt, was die Niedersächsischen Musiktage vom 31. August bis zum 29. September bieten werden. Unter neuer Leitung, denn Anselm Cybinski hat die Nachfolge von Katrin Zagrosek angetreten.

Hannover - Der gebürtige Freiburger kennt das Metier von allen Seiten her. Vor allem auch von der ausübenden: Cybinski hat in Köln und London Violine studiert, war anschließend sieben Jahre lang beim Osnabrücker Symphonieorchester engagiert. „In derselben Zeit“, sagt er, „habe ich nebenher schon freischaffend als Journalist gearbeitet. Und irgendwann stellte ich fest, dass mich diese intellektuelle Seite des Kulturbetriebs auf Dauer mehr interessiert.“

Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei ECM Records und Executive Producer bei Sony Classical waren die nächsten Stationen: „Es ging damals sehr viel um Styling, um die äußere Darstellung der Künstler. Ich war immer der Ansicht, dass die Zuhörer letztlich nur mit individueller Qualität zu überzeugen sind.“ Und so legte sich der Querdenker etwa ins Zeug, um einen gewissen Igor Levit an Bord zu holen – der hannoversche Pianist hat inzwischen weltweit Karriere gemacht.

Levits Interpretationen zeichnen sich in der Tat durch einen sehr speziellen Zugriff aus – ein mutiger Mann also, und somit lässt sich elegant die Brücke zum diesjährigen Programm der Niedersächsischen Musiktage schlagen, denn der Pianist wird am 22. September in Osnabrück die 24 Präludien und Fugen von Dmitri Schostakowitsch zu Gehör bringen, das Mammutwerk eines gleichfalls mutigen Komponisten, der stets befürchten musste, den Zorn Stalins auf sich zu ziehen. Ja, die Musiktage haben traditionell ein Motto, und in diesem Jahr lautet es „Mut!“.

„Das ist natürlich ein Thema mit sehr vielen Facetten“, sagt Cybinski, „gerade in Hinblick auf die aktuelle Weltlage.“ Das Eröffnungswochenende findet in Wilhelmshaven statt und bietet gleich fünf Veranstaltungen – die vielleicht spektakulärste ist dabei das Wandelkonzert mit Künstlern der „Jungen Norddeutschen Philharmonie“ und der „Tanzakademie am Meer“ auf dem Außengelände des Deutschen Marinemuseums. Die Geschichte Wilhelmshavens ist stark durch den Krieg geprägt, und wenn das doppeldeutige Motto am 1. September „Marsch im Wandel“ lautet, wird es natürlich nicht in erster Linie um den unreflektierten Ruf zu den Waffen gehen: Mauricio Kagels „Zehn Märsche um den Sieg zu verfehlen“ etwa eignen sich mit ihren holprigen Rhythmen und abrupten Brüchen zu allem Möglichen – nur bestimmt nicht zum Marschieren.

Igor Levit.

Dass Mut auch an Irrsinn grenzen kann, beweist die Geschichte des Kosmonauten Alexei Leonow, der bei der „Woschod 2“-Mission im Jahr 1965 den allerersten Weltraumspaziergang unternahm: „Das war ein Wettlauf mit der Zeit“, beschreibt‘s Cybinski, „weil man unbedingt den Amerikanern zuvorkommen wollte. Deswegen waren die Vorbereitungen in aller Eile getroffen worden, und als Leonow das Raumschiff verlassen hatte, blähte sich sein Anzug so auf, dass er fast nicht mehr zurückgekommen wäre.“ Diese bizarre Geschichte hat das hannoversche „Orchester im Treppenhaus“, bekannt für besonders originelle Konzertformate, als Grundlage für das Programm „Dark Room – Blindflug ins All“ genommen: Das Publikum wird bei den beiden Veranstaltungen in Verden (11. September) und Celle (26. September) mit Schlafbrillen auf Liegen Platz nehmen und einem Live-Hörspiel mit zwei Sprechern und Musik von Johann Strauss über Gustav Mahler bis zu poppigen Klängen beiwohnen.

Eine andere Form von Mut besteht darin, als Frau in eine Männerdomäne einzudringen, wenngleich sich diesbezüglich die Akzente doch verschoben haben. Am 19. September ist jedenfalls das Gut Varrel in Stuhr, tags darauf der Einbecker „PS.SPEICHER“ fest in weiblicher Hand: Die Pianistin Lise de la Salle und die NDR Radiophilharmonie unter Leitung der Dirigentin Mei-Ann Chen spielen Werke von Anna Thorvaldsdottir und Clara Schumann – im Sinne der Quote gibt‘s zudem ein Werk von deren Ehemann Robert.

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