Neue Heimat gesucht, Kamel gefunden

Gestrandet im Bremer Osten

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Deutschlernen in der Opern-Armee: Lawand (Mitte) aus Syrien tritt heute Abend auf.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Vor Assads Soldaten sind sie geflüchtet, haben gemeinsam einige Sachen gepackt und sich auf den Weg gemacht. Nun sind Lawand, seine Eltern und Geschwister im fremden, aber immerhin sicheren Land angekommen und schon wiederholt sich die Geschichte. Krieg, dieses Mal nur als Spiel. Der 15-jährige Syrer gehört nun zum uniformen grauen Heer des Herrschers von Hamadan. Ein Junge, der vor dem Kriegsgräuel flüchtet, nur um sich direkt in der nächsten Schlacht wiederzufinden. Nur auf der Bühne, aber immerhin. Gekämpft wird auch hier.

Osterholz-Tenever, Menschen aus 88 Nationen. Ein Leben zwischen Arbeitsamt und Ausländerbehörde, hier ist kein Platz für Träume und große Ziele.

Lawand allerdings, gönnt sich diese großen Ziele. „Wir leben seit vier Wochen in Deutschland“, sagt der Junge. Er stammelt nicht, ohne zu Zögern kommen ihm die Worte über die Lippen, in fließendem Englisch. Lawand und seine Familie, sie sind Angehörige der vielzitierten syrischen Oberschicht, die in Scharen das Land verlassen hat. Nicht in einem der wackeligen Boote auf dem Mittelmeer, sondern relativ bequem: per Flugzeug in ein neues Leben.

Die Stadtteiloper, seit sechs Jahren das Vorzeigeprojekt der Deutschen Kammerphilharmonie. Heute Abend nun feiert „Sehnsucht nach Isfahan“ im Zirkuszelt neben der Gesamtschule Bremen-Ost (GSO) Premiere.

Lawand ist aber nicht nur Soldat, auch Kamelgang steht auf seinem Stundenplan. Gemeinsam mit einem weiteren Flüchtling spielt er das Trampeltier und der Huftierkundige erkennt sofort: Passgang! Vorder- und Hinterbein auf der linken Seite berühren gleichzeitig den Boden, bevor es auf der rechten Seite weitergeht. „Das ist eigentlich ganz einfach, solange wir uns die Schritte genau ansagen“, erklärt der 15-Jährige. Seinen Partner Rinat kennt er schon länger, sie haben sich im Flüchtlingsheim kennengelernt. Zwei Jungen in der Fremde, das verbindet. „Links, rechts, links, rechts“, wirklich ganz einfach, was die beiden machen müssen. Zumindest ohne Kostüm.

300 Schüler der GSO sind dieses Mal dabei, statt Unterricht gibt es Proben oder Arbeit in der Kostümwerkstatt. Das Großprojekt ist ein fester Termin im Schulkalender – und alle wollen dabei sein. „Wir haben mittlerweile so viele Freiwillige, dass wir aussieben müssen“, sagt Schulleiterin Annette Rüggeberg, bis zum 1. Oktober Leiterin der GSO.

Ein voller Stundenplan, Abitur und Studium: für Lawand im Moment kein Thema. Er will erstmal die Sprache seiner neuen Heimat sprechen können. „Aus diesem Grund bin ich auch mit dabei. Ich dachte, so kann ich am schnellsten Deutsch lernen.“ Wenn er erst die Sprache spricht, dann wird auch alles andere einfacher, so sieht er das. Nicht nur für ihn, sondern auch für seine Eltern, die zwei Brüder und seine Schwester. Eine bessere Zukunft für die ganze Familie: Für Lawand der Motor, der ihn antreibt. Von der Opernprobe zum Sprachunterricht und wieder zurück.

Viel von ihm zu sehen gibt es heute Abend allerdings nicht, steckt sein Körper doch in einem von zwei Höckern des Kamels. Nur die Beine in grauen Pluderhosen schauen aus dem großen Körper heraus. Gebaut hat das Tier die Integrierte Tagesgruppe Bremen Buntentor der Arbeiterwohlfahrt. Etwa vier Wochen haben die Erwachsenen benötigt, um aus einem Pappmasché-Torso und jeder Menge Stoff ein lebensgroßes Kamel zu formen.

Im Tierkörper ist das Miteinander entscheidend. Kommt einer aus dem Takt, dann ist es aus mit dem Kamel. Unvorstellbar, wenn das in der Premiere passiert und die beiden alles verpatzen. Doch die Jungen sind sich der Gefahr bewusst, vorsichtig setzen sie einen Fuß vor den anderen.

Gegenseitig Hilfe, dieses Gefühl kennt Lawand schon aus seiner neuen Nachbarschaft. „Die Menschen sind hier alle so nett zu uns, und wollen uns helfen.“ Protestanten vor Flüchtlingsheimen, rechte Parolen? Alles kein Problem, sagt der junge Syrer und guckt irritiert. Als einer von hundert Bewohnern im Containerdorf, wo alle die gleichen Probleme haben, ist Rassismus offenbar kein Problem. Und erst recht nicht im schützenden Zirkuszelt.

Dort unterbricht die Stadtteiloper jedenfalls für einen Moment den Kreislauf aus Langeweile und Perspektivlosigkeit. Schließlich sind nicht nur die Schüler der GSO mit dabei, sondern auch weitere Bewohner des Stadtteils. Sei es der syrische Schneider, der endlich wieder Nadel und Faden zur Hand nehmen kann, um den Kindern Kostüme zu nähen. Oder der junge Mann, der sich auf dem Zeltplatz einbringt und dafür sorgt, dass sich niemand Ungebetenes auf dem Gelände herumtreibt.

Endlich etwas zu tun. Das lenkt zwar ab, fremd sind die Menschen aus dem Übergangswohnheim aber immer noch. Genauso wie Ibn Sina auf der Bühne im Zirkuszelt. Gelehrter ist er und wie das in seiner Zunft so ist, wird er immer wieder aus der Stadt gejagt. Ständig auf der Flucht, die Sehnsucht nach der Heimat als einen ständigen Begleiter, damit können sie alle etwas anfangen: die Gestrandeten im Bremer Osten.

Lawand allerdings konzentriert sich lieber weiter auf seinen Passgang und die merkwürdigen Klänge von der Bühne. Melodien von Händel um genau zu sein. „Klassische Musik habe ich vorher gar nicht gehört. Das klingt schon ein bisschen komisch.“ Barock statt orientalischen Trommeln, Ladwans Heimat ist nicht nur geografisch ziemlich weit weg.

Aber es gibt sie auch in der Fremde, die Klänge der arabischen Welt. Im Zirkuszelt ist es Rabih Lahoud, der traditionelle Maqams singt, begleitet von der Tombak-Trommel. Das gefällt dann auch wieder dem syrischen Jungen. „Die Trommeln geben der ganzen Geschichte so viel Rhythmus und Tempo.“ Und klingen ein bisschen nach Damaskus, mitten im Bremer Oktobergrau.

Doch nun hat Lawand keine Zeit mehr, er muss in die Kostümwerkstatt und dann wartet da auch noch die nächste Sprachstunde auf ihn. Ein bisschen Deutsch hat er bei den Proben aber bereits gelernt, und das muss Lawand nun noch mal eben zeigen. „Vielen Dank“, sagt er mit stolzem Gesichtsausdruck und schüttelt zum Abschied ganz deutsch die Hand. Er ist zwar noch nicht ganz angekommen, aber auf einem guten Weg. Damit aus der Stadt mit den Fremden schon bald ein richtiges Zuhause wird.

„Sehnsucht nach Isfahan“, Premiere ist heute Abend um 19.30 Uhr auf dem „Grünen Hügel“ in Osterholz-Tenever. Eine weitere Vorstellung ist für morgen geplant, allerdings gibt es für beide Termine keine Karten mehr.

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