Tanztheater „made in Deutschland – BauHaus“ zeigt Bruch mit Konventionen

Neue Formen gegen die Perfektion

Kein Rund ist zu sehen: Mit Gummibändern bewegen sich die Tänzer von Form zu Form. FotoS: Daniela Buchholz

Bremen - Von Katia Backhaus. Natürlich geht es um Formen. Um gerade Linien, starke Kontraste und um Auseinandersetzung. Doch im Stück „made in Deutschland – BauHaus“, das Günther Grollitsch (Choreografie) und Fabian Aimar (Konzept) mit dem „Steptext Dance Project“ und der „tanz_bar Bremen“ am Wochenende erstmals auf die Bühne der Schwankhalle gebracht haben, wird auch die Frage nach Perfektion verhandelt. Nicht zuletzt ist es der Verdienst der drei „tanz_bar“-Tänzer Neele Buchholz, Oskar Spatz und Adrian Wenzel, dass beim Zusehen immer wieder die Frage auftaucht: Wie perfekt soll Kunst sein – und was hat das mit dem Bauhaus zu tun?

Gleich die erste Szene illustriert dies. Ganz in schwarz, die Tänzerinnen zusätzlich mit einem weißen Reifrock, der schnell die Assoziation zu Ikea-Lampenballons wachruft, zeigen die sieben Künstler eine klassische Ballettperformance. Doch die Tanzenden sind nicht fehlerlos. Jeden falschen Schritt, jede Irritation registrieren die anderen eindeutig – um sie dann mit einem aufgesetzten Strahlen zu verdrängen. Mechanisch wirkt nicht nur dies, sondern auch die Musik verdeutlicht: Das formalisierte, strenge Ballett steht gleichsam für die industrielle Produktion von Kunst und Bau, der die Bauhaus-Meister mit der Renaissance des Handwerks etwas entgegensetzen wollten.

Den Ausbruch aus dieser Sequenz schafft fulminant Neele Buchholz. Ganz allein steht sie im Licht und entdeckt das flexible Rund ihres Rocks. Es lässt sich biegen, über den Kopf stülpen, zu einer Acht formen. So ruhig diese Szene wirkt, so bedeutsam ist sie – sie ist der Beginn der chronologischen Erzählung jener 14 Jahre, in denen das Bauhaus neue Standards setzte.

Einen tollen Gegensatz zum etwas überlangen Ballett-Einstieg bietet jene Szene, in der die Tänzer mit je einem Gummiband auf der schwarzlichtbeleuchteten Bühne sich von Form zu Form bewegen. Dreiecke, Rechtecke, Quadrate – kein Rund ist zu sehen, kein Bogen bricht mit der eckigen Klarheit, die erst individuell, dann gemeinschaftlich gestaltet wird.

Dass nicht nur Spiel und Kreativität, sondern auch Kampf und Auseinandersetzung sowohl zum künstlerischen Prozess allgemein als auch zum Bauhaus-Entwicklungsprozess im Besonderen gehören, verdeutlicht die folgende Sequenz. Eines der großen Rechtecke, die zu Beginn als Spiegel dienen und sich später als weiße und schwarze Rechtecke entpuppen, wird für Sergey Zhukov und Jenny Ecke zur Grenze ihrer Ausdrucksmöglichkeiten. Während Zhukov die Platte dreht, wendet und kippt, rollt und biegt Ecke sich mit. Ein akrobatischer Auftritt, der nicht nur von besonderer Akkuratheit der Tanzenden, sondern auch vom Einfallsreichtum des Choreografen zeugt.

Eindrucksvoll sind jene Szenen gegen Ende der einstündigen Aufführung, in denen schauspielerische Elemente stärker hervortreten. Die Anspielung auf die Beschränkung der Bauhaus-Frauen auf textile Gewerke, in der alle vier Tänzerinnen sich mit einem halbfertigen Teppich auf dem Boden winden, gelingt ebenso wie die laute Ausgelassenheit, die auf das unkonventionelle Leben und Feiern des Nachwuchses in Dessau verweist.

Unerbittlich ist schließlich das Urteil, das Ecke über die Gruppe fällt, die vor ihr – wie in einer Prüfung – eine Figur nach der anderen vorstellt. „Das ist entartete Kunst“, ruft sie ins Megafon, verhackstückt die Worte und lässt sie so noch unpersönlicher, zackiger wirken. Zum immer schnelleren Takt, unter immer größerem Druck, führen die Tänzer immer Neues vor – und scheitern. Einer nach dem anderen verlässt die Bühne, so wie die Bauhausschüler und -meister einst das Land.

Dass danach nicht Schluss ist, überrascht. Während das Zügerattern und der ausweglose Blick in den Spiegel wohl das Schicksal derer symbolisieren, die nicht ins Exil gingen, sondern im Konzentrationslager ermordet wurden, bleibt die freie Tanzperformance am Schluss in ihrer Bedeutung rätselhaft.  kab

Nächste Termine

Das Tanztheaterstück „made in Deutschland – BauHaus“ ist noch am 6. und 7. Februar, jeweils ab 20 Uhr, in der Schwankhalle Bremen zu sehen.

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