Tosender Beifall für das Berliner Artemis Quartett bei seinem Auftritt in der Bremer Glocke

Neue Besetzung, alte Brillanz

Das Artemis Quartett hat im Cellisten Eckart Runge eine unzerstörbare Wurzel. - Foto: Felix Boerde

Bremen - 2011 war das Artemis Quartett in Bremen: Damals war die erste Geigerin Natalia Prishepenko krank. Sie verließ 2012 das Quartett, und mit der neuen Primgeigerin Vineta Sareika beglückte die neue Besetzung erneut Bremen. Als der Bratscher Friedemann Weigle im Sommer 2015 starb, änderte sich erneut einiges: Der zweite Geiger Gregor Sigl, seit 2007 im Quartett, übernahm die Bratsche, die zweite Geige spielte nun eine junge Frau aus Amerika, deren jahrelanger Traum die Mitgliedschaft in genau diesem Quartett war. Für diesen Traum ist Anthea Kreston mit Mann und Kindern aus Oregon nach Berlin gezogen. Nicht alle Quartette überstehen so viele Wechsel, aber dieses hat eine feste Wurzel, der anscheinend nichts etwas anhaben kann: Das ist das noch einzige Gründungsmitglied (1989), der Cellist Eckart Runge. Beim letzten philharmonischen Kammerkonzert der Saison gastierte das Quartett in dieser Formation nun erneut in Bremen.

Alles wirkt wie ein Wunder an diesem Abend im kleinen Saal der Glocke: Zwar schießen exzellente Streichquartette geradezu aus dem Boden, aber bei den Artemis-Musikern liegt die Latte dermaßen hoch, dass sie noch immer oberster Maßstab für die unerhörten Anforderungen des Streichquartettspiels sind. Anthea Kreston klinkt sich mit aller horchenden Vorsicht, aber auch mit expressivem Selbstbewusstsein ein, unterstützt und angefeuert von Eckart Runge. Bei der Interpretationen von Mozarts Streichquartett G-Dur, KV 387, explodieren förmlich alle Qualitäten und Besonderheiten: Es ist unbeschreiblich, wie die Musiker aufeinander hören und reagieren, wie sie Strukturen vorantreiben, Spannungen erzeugen. Dabei geht es nicht um schöne Klänge, die anderen schönen Klängen folgen; es geht um Fragen, Antworten, Zorn, Zärtlichkeit, um Auf- und Ausbrüche, um Depression und Resignation, es geht um Vertrauen und Hoffnung. Ganze Strecken spielen besonders Runge und Sigl auswendig und zeigen so eine weitere Besonderheit: Die Individualisierung der Stimmen wird einerseits auf die Spitze getrieben, anderseits der gesamte Organismus nie überspielt. Meister sind sie darin, Atmosphären vollkommen unterschiedlicher Art herzustellen und spontan wirkend zu wechseln, besonders im Streichquartett g-Moll op. 27 von Edvard Grieg – nie angestrengt, sondern von geradezu überirdischer Souveränität.

In dem Film „Saiten des Lebens“ mit Christopher Walken und Philipp Seymour Hoffman gibt es die Idee, dass die Primgeige das perfektionistische Alphatier, die zweite Geige eifersüchtig und die Bratsche eine Meisterin der Diplomatie ist. Am Cello sitzt der Mann mit dem großen Herzen. Aus diesem nicht ganz falschen Bild machen die Berliner immer wieder eine begeisternde Einheit, wie an diesem Abend. Als Zugabe gibt es die „Italienische Serenade“ von Hugo Wolf. Tosender Beifall.

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