„So weit und groß“: Carlo Modersohn zeichnet ein intimes Filmporträt seines Urgroßvaters

Mit der Natur verwachsen

Träume und Sehnsüchte nehmen sofort Gestalt einer Landschaft an: Der Maler Otto Modersohn.

Bremen - Von Rainer BeßlingDas Interesse am Thema war hautnah zu spüren. Am Sonntag herrschte Gedränge in der Bremer Schauburg, und das zur nachmittäglichen Premiere einer Dokumentation.

Allerdings geht es in dem Film mit Otto Modersohn um einen Künstler, dessen Name insbesondere im Bremer Raum Aufmerksamkeit verspricht. „So weit und groß“ lautet der Titel des Porträts, unter Verwendung der Attribute, die der Maler der norddeutschen Landschaft zuschrieb. Aus ihr speisten sich seine Bildideen, in ihr verbrachte er den größten Teil seines Lebens. Autor der Film-Doku ist Carlo Modersohn, Urenkel des Porträtierten. Auftraggeber ist das Otto-Modersohn-Museum in Fischerhude, wo das Werk des Malers engagiert und kundig von der Familie bewahrt und präsentiert wird.

„Die Natur des Otto Modersohn“ – der Untertitel verweist auf die beiden Stränge, denen der Film nachgeht. Die Natur entdeckt der 1865 in Soest geborene Künstler schon auf der Akademie als sein Thema und Motiv und als vitale Gegenwelt zu den erstarrten und formelhaften Studienpflichten. Das Naturell des Malers zeichnet das Porträt in enger Verzahnung mit dem Werk. Beharrlich und uneitel, seinen künstlerischen Ansprüchen mit steter Selbstreflexion folgend, tritt der Künstler als sensibler teilnehmender Beobachter des Naturgeschehens auf. Die „intime“ Malweise, der sich Modersohn in Bewunderung der französischen Kollegen aus Barbizon verpflichtet sieht, sieht der Worpswede-Chronist Rilke im Innersten des Künstlers begründet: „Wir fühlen das Wesen eines Mannes, der mit allen Fasern sich mit der Natur verwachsen fühlt; der nicht leben könnte ohne die unaufhörliche innige Berührung mit den Revieren der Bäume, der Wiesen, der stillen Wasserflächen; in dem alle Träume und alle Sehnsucht sofort die Gestalt einer Landschaft annehmen.“

Die Intimität des Werkes und die Innigkeit der Haltung nimmt Carlo Modersohn in seinem Filmporträt auf. Dass es sein Film auf die Kinoleinwand schaffen würde und der Verleiher jetzt schon in vielen Städten große Nachfrage registriert, mag der Autor anfangs kaum vermutet haben. Sonst hätte vielleicht auch er Zweifel gehabt, ob sich ein großes Format allein mit zeitgenössischen Filmen und Fotografien, mit Reproduktionen, Gemälden und Zeichnungen sowie Schriftdokumenten speisen ließe.

Die Premiere am Sonntag aber bewies: Rund 80 Minuten lang fesselte eine Monographie, die Künstlerpersönlichkeit und Werk aus sich selbst und in ihrer Zeit sprechen ließen, ohne das Heute als Beschreibungs- und Bewertungsinstanz zu bemühen. Vielleicht hat sich die Selbstbescheidung an die Nachgeborenen vererbt: Der 28-jährige Filmautor nimmt sich auf der Basis des Drehbuchs, das seine Mutter Marina Bohlmann-Modersohn lieferte, als kundiger Moderator der Materials zurück – und öffnet damit Raum für den Zuschauer zur Versenkung in eine andere Welt.

Begegnung mit der Natur und Arbeit an der Staffelei sind Kammerspiel und keine große Oper, dem trägt der Film Rechnung. Dass gerade die kleinen Zeichnungen Otto Modersohns bis heute viele Bewunderer finden – stille Abendblätter in einer Mischung aus Spontaneität, kompositorischer Konzentration und einer Freiheit, die sich der Künstler in Gemälden nicht zugestand – bestätigt die ruhige Filmsprache.

Wird auch die heutige Betrachterperspektive nicht thematisiert, kann sich Filmautor Carlo Modersohn doch auf sprachmächtig einfühlende Wegbegleiter und Interpreten seines Urgroßvaters stützen. Matthias Scherwenikas gibt Rilke eine Stimme, Verena Güntner Paula Modersohn-Becker. Der innigen Beziehung des Künstlerehepaars Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker sind die fesselndsten und anrührendsten Sequenzen des Films gewidmet.

Die hohe Qualität des ästhetischen Austausches wird ebenso anschaulich wie die Spannung in dieser Beziehung: eine junge vitale, aufrichtige Frau, die für ihre Kunst brennt, ein Mann, der das Ausnahmetalent seiner Frau erkennt, der sie unterstützt und anerkennt, wie viel er von ihr lernt, der selbst all sein malerisches Vermögen und menschliches Verständnis in diesen künstlerischen Dialog einbringt.

Bilder, Texte – als Erzähler großartig Hanns Zischler und als Otto Modersohns Stimm Robert Levin –  und die Musik von Therese Strasser, mal Klangkulisse, mal selbst Stimme in Naturbetrachtung, künstlerischem Prozess und Rezeption, verweben sich zu einer außergewöhnlichen Dokumentation. Im Close Up der Quellen stellt sich Film in den Dienst der Malerei, und eine junge Generation zeigt, dass sie sich der Geschichte bewusst werden will und mit ihr Geschichten erzählen kann.

So wie Otto Modersohn immer zugleich das Einzelne und das Ganze, das Kleine und das Große zu betrachten versuchte, breitet auch dieses Porträt viele Blicke aus, ohne sie in eine Perspektive zwängen zu wollen. Es repräsentiert einen jungen Filmautor, die unbeeinflusst vom Diktat einer „Modernität“ nach Traditionssträngen, aber auch nach Kunst in ihrer Geschichte fahndet.

„So weit und groß“ ist ab Donnerstag, 13. Januar, im Bremer Atlantis (Böttcherstraße) zu sehen.

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