„Die Kunst der Zukunft“ in Bremen

Natur als letzte Ressource

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Wolfgang Müller: „Hawaii-Krausschwanz 2“, Buntstift auf Papier. ·

Bremen - Von Andreas SchnellVon Kurt Schwitters wird berichtet, dass er regelmäßig auf der norwegischen Insel Hjertøya den Sommer verbrachte und dort regelmäßig auf Bäumen seine legendäre Ursonate rezitierte.

Als der Berliner Künstler Wolfgang Müller in den neunziger Jahren auf Schwitters’ Spuren auf die Insel reiste, hörte er dort Stare, deren Gesang verdächtige Ähnlichkeit mit Schwitters’s Lautgedicht hatte. Er nahm den Starengesang auf und präsentierte diese Aufnahmen im Rahmen einer Ausstellung.

Was nun folgte, lässt sich höchstens als Posse bezeichnen. Die Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs GmbH, die die Aufführungsrechte der Ursonate besitzt, wollte wissen, wie er „die Genehmigung hierzu erhalten habe, damit wir der Sache nachgehen können“. Der Briefwechsel ist in Wolfgang Müllers Broschüre „Die Nachtigall von Reykjavik“ dokumentiert.

Vögel spielen in Müllers künstlerischer Arbeit eine wichtige Rolle. Aber „Plasma brocken“, so der Titel der Ausstellung, die nun im K’ – Zentrum Aktuelle Kunst in Bremen zu sehen ist, sind sie natürlich nicht. Und was sie mit den Möbiusschleifen zu tun haben, die neben den Vogelzeichnungen und einem Video, das Müller bei einer Lesung aus seinem Roman „Kosmas“ in der Ausstellung zu sehen sind, erschließt sich nicht ohne weiteres. Radek Krolczyk, neben Erik Peters Betreiber der Galerie, gibt zu, dass die Ausstellung ein wenig diffus erscheint.

Der Roman „Kosmas“ ist so etwas wie der Schlüssel zu den „Plasmabrocken“, die – Untertitel – für nicht weniger als „die Kunst der Zukunft“ stehen. Der Roman erzählt die Geschichte eines britischen Kunststudenten namens Damien Hirst, der tote Tiere konserviert und damit berühmt wird. Die Natur wird zur letzten Ressource der Kunst in der Krise. Weil aber auch auf dem Kunstmarkt nichts für immer ist, muss sich Hirst bald schon etwas Neues einfallen lassen: Die Kunst der Zukunft. So wird die Natur, die ihrerseits vom Menschen bereits verändert ist, zu Kunst, in ihr aber eben auch erst wieder lebendig.

Die Möbiusschleifen nun sind damit eher assoziativ verbunden. Ihre Form ist offen, endlos, fließend, kennt kein Oben und kein Unten, kein echtes Innen oder Außen. „Antihierarchisch“ nennt Krolczyk das. Das ist einerseits wohl eine Reminiszenz an die achtziger Jahre in Berlin, das damals eben auch ein Ort für Experimente war, ein wichtiger Ort für Punk, der sich täglich neu erfinden konnte und an dem Müller mit seiner Band Die Tödliche Doris wichtigen Anteil hatte. Die Schleifen ließen sich aber auch lesen als Exemplare einer neue Kunst, die die organischen Strukturen der Natur ebenso aufgreift wie deren ständige Selbsterneuerung im kontinuierlichen Wandel.

Auch die ausgestorbenen Vögel, die in Buntstiftzeichnungen auf Papier die Wände der Galerie besetzen, sind einer Mutation unterworfen: Rekonstruiert aus ornithologischer Literatur erstehen sie zu neuem Leben.

Vernissage: Freitag, 19 Uhr, Ausstellung bis 19. April, K’ – Zentrum Aktuelle Kunst, Alexanderstr. 9b, Bremen

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