Naomi Jayes über ihren Film „The Pin“

Liebe und Tod auf Jiddisch

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„The Pin“ ist Naomi Jayes erster Spielflim.

Bremen - Von Andreas Schnell. Ein junger Mann und eine junge Frau treffen sich in einer Scheune in Litauen. Beide sind dem faschistischen Terror entronnen und müssen sich dort verstecken, weil sie Juden sind. Sie verlieben sich ineinander und verlieren sich nach dem Krieg. Der Mann wird seine Liebe erst wiedersehen, als sie schon tot ist und er ein alter Mann. So kann er nur noch das Versprechen erfüllen, das er ihr einst gab: Sie mit einer Nadel zu stechen, um festzustellen, ob sie wirklich tot ist.

In langen Einstellungen erzählt die junge kanadische Regisseurin Naomi Jaye in ihrem Spielfilmdebüt eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Holocaust. „The Pin“ ist der erste nordamerikanische Spielfilm seit 70 Jahren, der in jiddischer Sprache gedreht wurde. Im Interview erzählt die Regisseurin, wie der Film entstand und welche Schwierigkeiten sie dabei bewältigte.

Frau Jaye, Sie haben einen Film in einer Sprache gedreht, die Sie selbst nicht sprechen und verstehen. Wie kam es dazu?

Naomi Jaye: Ich bin Jüdin, komme aus einer jüdischen Familie und bin in Toronto aufgewachsen, aber bei uns zu Hause wurde kein Jiddisch gesprochen. Meine Mutter kam aus England, mein Vater aus Südafrika. Ich hatte den Film auf Englisch geschrieben, und er sollte in Litauen spielen. Also dachte ich, ich suche mir zwei Schauspieler aus Litauen und machen den Film auf Litauisch.

Aber dann haben Sie „The Pin“ doch auf Jiddisch gedreht. Warum?

Jaye: Ich fand heraus, dass die beiden jungen Juden aus einer Kleinstadt damals nicht Litauisch, sondern auf jeden Fall Jiddisch gesprochen hätten. Der Film sollte authentisch sein. Und so wurde es erst relativ spät im Prozess ein jiddischer Film.

Ist die Geschichte, die „The Pin“ erzählt, notwendig eine jüdische Geschichte?

Jaye: Nein. Während der Arbeit an dem Film nahm ich an einem Workshop teil, wo wir eine Szene aus unserem Projekt drehten. Dafür stand uns eine Gruppe Schauspieler zu Verfügung, die nur Englisch sprachen. Die beiden, die ich für meine Szene am geeignetsten hielt, waren eine südasiatisch-stämmige Frau und ein Weißer. Als wir die fertige Szene präsentierten, fragte eine Workshop-Teilnehmerin, ob die Geschichte im zerfallenden Jugoslawien spiele. Für mich war das ein gutes Zeichen, weil es auf eine Weise eine universelle Geschichte ist. Zwar hat der Film einen bestimmten Ort, weil er auf Jiddisch ist, aber die Geschichte handelt davon, wie Menschen unter schrecklichen Umständen überleben. Leider haben so viele Kulturen und so viele Menschen grauenhafte Dinge erlitten, so dass es eine universelle Geschichte ist – bis auf das Jiddisch natürlich.

„The Pin“ ist ihr erster Spielfilm. Das ist ja ohnehin schon eine Herausforderung. Das dann auch noch in einer Sprache zu tun, die man nicht versteht, macht das Ganze um einiges schwieriger. Haben Sie je an Ihrer Entscheidung gezweifelt, den Film auf Jiddisch zu machen?

Jaye: Ich lebe das Leben nicht sehr analytisch oder intellektuell. Wenn ich mich einmal entschieden habe, bleibt es auch dabei. Die Geschichte kam mir in den Kopf, ohne dass ich genau wüsste woher. Ich habe mich nicht hingesetzt und gesagt: Okay, ich bin eine Jüdin und mache deshalb einen Film über den Holocaust. Die Geschichte begann mit dem alten Mann, und dann begann ich mir vorzustellen, was mit ihm passiert. Es war sehr organisch. Und als ich herausfand, dass der Film auf Jiddisch sein müsste, habe ich ihn auf Jiddisch gemacht. Natürlich war es nicht einfach, aber ich habe mich nie gefragt, ob ich den Film machen soll. Das Projekt nahm ein Eigenleben an, dem ich gerecht werden wollte.

War es schwer, das Drehbuch in die Hände einer Übersetzerin zu geben und damit auch Kontrolle über den Text abzugeben?

Jaye: Ja und nein. An einem bestimmten Punkt musst du dir sagen, wenn ich es machen will, dann geht das nicht anders. Natürlich ist es eine Frage des Budgets. Ich hatte sehr wenig Geld, aber ich fand eine Jiddisch-Professorin, die die Übersetzung zu einem Preis gemacht hat, mit dem ich leben konnte. Wir haben während ihrer Übersetzung immer wieder telefoniert, diskutiert, was ich genau mit welchem Wort meine. Dann gab es eine Jiddisch-Lehrerin, die mit den Schauspielern gearbeitet hat. Wir haben dann zu dritt noch einmal das Buch durchgearbeitet, über einzelne Wörter gesprochen. Aber es stand nie in Frage, ob ich den Film machen sollte oder nicht. In meinem Umfeld gab es allerdings viele Menschen, die mir abgeraten haben.

Die beiden Hauptdarsteller leben in Kanada, kommen aber aus der Ukraine und Litauen. Wie haben sie den Text gelernt?

Jaye: Sie haben das Skript in sechs Monaten phonetisch gelernt.

Gedreht haben Sie in Kanada, nicht in Litauen ...

Jaye: Ja, die Landschaft um Toronto erinnert sehr an Litauen. Aber es war ziemlich schwierig, eine Scheune zu finden, die wie eine litauische Scheune aussieht. Die Scheunen in unserer Gegend sind in der Regel auf einer Steinmauer aufgebaut. In Litauen gibt es so etwas nicht.

Heute und morgen, 18 Uhr, City 46, Bremen

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