Klassiker von Robert Musil neu erschienen

Der Nährboden des Faschismus

Kreiszeitung Syke
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Syke - Von Johannes Bruggaier. Verzweifelt klammert sich Törleß an den einen Gedanken: „Das bin nicht ich! Nicht ich!“ Doch was ist er dann?

Die Suche nach dem Ich oder besser nach dessen Rumpfbeständen in einer Gesellschaft, die auf vollständige Einebnung charakterlicher Differenzen abzielt: Sie ist kennzeichnend für das Zeitalter des Expressionismus und somit auch für Robert Musils 1906 erschienenen ersten Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“. Im Manesse Verlag ist dieser Klassiker der Weltliteratur nun neu erschienen.

Seine Lektüre lohnt sich schon allein aus historischen Grünen. Wird doch im Schicksal des Internatsschülers Törleß der Nährboden des späteren Faschismus sichtbar: Ein trübes Gemisch aus Diskreditierung kindlicher Empfindungen, tabuisierter Sexualität und eingeübtem Machtstreben. Am Beispiel des Schülers Basini spielt Musil den Mechanismus hierarchischer Prozesse durch, eine Entwicklung an deren Anfang materielle Not ein Bewusstsein von Minderwertigkeit erschafft. Aus Geltungsbedürfnis resultiert Diebstahl, aus Diebstahl wiederum das endgültige Abrutschen in der sozialen Rangordnung. Den von ihren plötzlich erwachenden Bedürfnissen verunsicherten Kameraden bietet sein verwerfliches Handeln ein willkommenes Richtmaß zur Bestätigung der eigenen Identität. Es ist an Törleß, sich an der erniedrigenden Selbstjustiz zu beteiligen oder dem Täter, der längst Opfer geworden ist, beizustehen.

Für die Neuerscheinung hat der Manesse Verlag auf die ursprüngliche Fassung von 1906 zurückgegriffen. Das bedeutet eine Korrektur mancher gut gemeinter „Verbesserungen“ in späteren Ausgaben, etwa die Anpassung umgangssprachlicher Ausdrucksweisen jener Zeit. Das bedeutet aber auch die ungeschönte Dokumentation eines mitunter schwülstig anmutenden Stils.

Der Duktus hat sich seit Musil gewandelt. Was aber die emotionalen Verwirrungen des Menschen in der Pubertät betrifft, so bleibt sein Werk aktuell: eine verstörende Parabel auf die komplizierteste Phase des Lebens.

Robert Musil: „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“, Roman, Manesse Verlag: Zürich 2013; 320 Seiten; 19,95 Euro.

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