Hommage an die Jazz-Pianistin Jutta Hipp: Das neue Album von Ilona Haberkamp

In der Nähe von Monk und Mingus

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Bremen - Von Rainer BeßlingEine Komposition von Jutta Hipp eröffnet das Album. Ihr Titel „Horacio“ verweist auf Horace Silver und auf die Horatio-Street, in der Hipp in den 1950er-Jahren wohnte.

In ihrer Nähe lebten Paul und Carla Bley und Tommy Wayburn, Drummer in der Band des Pianisten Lennie Tristano. In einem Kellerraum des Hauses Horatio-Street 47 trafen sich die Nachbarn zu Sessions. Zu Besuch kamen Musiker wie Zoot Sims, Bill Evans und Paul Motian.

Jutta Hipp war eine Ausnahmeerscheinung: die erste namhafte deutsche Pianistin in der Männerdomäne Jazz, in der Jazz-Weltstadt New York, die erste Europäerin und erste Weiße, die das berühmte Label Blue Note unter Vertrag nahm. Das Quartett der Saxofonistin Ilona Haberkamp, ergänzt durch die großartige Sängerin Silvia Droste und durch Trompeter Ack van Rooyen, erinnert jetzt mit der beim Bremer Label Laika erschienenen CD „Cool Is Hipp Is Cool“ an die 1925 in Leipzig geborene und 2003 in New York verstorbene Musikerin. „Horacio“ führt atmosphärisch dicht gleich mitten hinein in den Sound der Cool-Jazz-Ära. Haberkamp und van Royen interpretieren mit warmen Sound die poetische Melodieführung des Stücks. Pianistin Laia Genc schließt mit pointiertem, luzidem, legatofreiem Anschlag und feinsten Verzögerungen an die pianistische Kultur Hipps an.

Im anschließenden „Dear Old Stockholm“, einer Komposition von Stan Getz auf der Basis eines schwedischen Volksliedes, glänzt Haberkamp mit elegischem und elegantem Ton. Das geschliffene Arrangement von Laia Genc nimmt die kontrapunktisch geprägte Interpretation Hipps auf, gewinnt dem Stück aber auch andere Seiten ab und entwickelt so einen kontrastreichen Charakter. Mit dem in den 50er-Jahren häufig interpretierten „Violets For Your Furs“ wird die romantische Seite der Cool-Jazz-Ära hörbar, Ack van Rooyen begeistert mit einer tief empfundenen Kantabilität und einer allein der musikalischen Ausdeutung dienenden Virtuosität. Jutta Hipps „Mon Petit Suite“ entstand noch in Deutschland und ist ihrem Sohn Lionel gewidmet. Das fröhliche Thema führt über die Brücke eines freien Bass-Solos (Paul G. Ulrich) in einen melancholisch geprägten Part und thematisiert so die Trennung zweier Lebenswege.

Immer wieder klingen in der dramaturgisch gelungenen Stückauswahl der Scheibe die besondere Stimmung und Spanung an, die Hipp mit ihren emotionsgeladenen und zugleich exakt geführten Improvisationen zu entwickeln wusste. Immer wieder nimmt das Album Bezug auf Musiker, die Hipp maßgeblich beinflusst haben oder mit denen sie zusammengespielt hat. Dabei sind auch Gedichte der Pianistin zu hören, in denen sie Thelonius Monk, Lester Young oder Charlie Parker charakterisiert, deren Persönlichkeit und musikalisches Profil.

Mit ihrer Komposition „Blues for ‚Ju‘ und ,Mi‘“ erinnert Haberkamp an Jutta Hipps Verehrung für den Bassisten und Komponisten Charles Mingus. Besonders dessen „Kompositionsstil“, die Entwicklung der Stücke auf der Basis knapper Skizzen im kollektiven Spiel, faszinierte sie. Haberkamps Blues lässt dies nachvollziehen, wenn auf eine am traditionellen Bluesformat orientierte Improvisation von Ack van Rooyen eine vitale, komplexe Duo-Arbeit von Drummer und Bassist folgen. Thomas Alkier, der auf dem Album seine Versiertheit und Vertrautheit mit unterschiedlichen Stilen unter Beweise stellt, kann hier auch seine bemerkenswerte Technik ausleben.

Haberkamps „Tribute to Jutta Hipp“ ist eine persönliche, originelle und eine künstlerisch äußerst inspirierte Verbeugung vor einer bemerkenswert talentierten Musikerin. Die Saxofonistin, damals noch Studentin, hatte Hipp im Jahr 1986 zusammen mit ihrer Kommilitonin, der Trompeterin Iris Kramer, in Ney York besucht. Teile aus den aufgezeichneten Gesprächen sind in das Album eingestreut. Der Zuhörer erhält einen Eindruck von der unprätentiösen, direkten Art Jutta Hipps, die wegen panischer Auftrittsangst und Alkoholproblemen ihre vielversprechende Karriere früh beendete.

Ilona Haberkamp Quartett: Cool Is Hipp Is Cool. A Tribute to Jutta Hipp (Laika)

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