„My War“: Das Oldenburger Edith-Ruß-Haus beschäftigt sich mit „Partizipation in Kriegszeiten“

Nadelstiche und Knuddelpilze

Milica Tomic spaziert wehrhaft durch Belgrad auf den Spuren von Partisanen.

Von Rainer BeßlingOLDENBURG (Eig. Ber.) · Ausstellungen im Oldenburger Edith-Ruß-Haus befassen sich in der Regel mit künstlerischen Antworten auf neue mediale Technologien und Möglichkeiten. Dabei tritt eine Kunst auf, die ihrerseits innovationswillig an neue Kommunikations- und Informationsformate andockt.

In der aktuellen Präsentation des Medienkunsthauses allerdings geht es in Teilen äußerst analog zu. Das könnte an dem Thema liegen, das dank neuer Medien täglich umfassend öffentlich wird, zugleich aber in virtueller Distanz bleibt. „My War“, so der Titel der Ausstellung, ist vor allem der Krieg, der auf Bildschirmen tobt. Inwieweit er den Zuschauer betrifft und betroffen macht, inwieweit er Anteil- und Stellungnahme herausfordert, hängt von mehr ab als dem Informationsangebot, vielleicht gerade von einer Überwindung der bequemen Monitorwand.

So lässt sich Harrell Fletchers Projekt „Humans at War“ als Versuch betrachten, in die medialen Feld- und Frontberichte eine Schneise der direkten Auseinandersetzung, der sowohl gedanklichen wie emotionalen Verarbeitung zu schlagen. Kinder verschiedener Schulen bekamen die Aufgabe, in ihrer Nachbarschaft Menschen ausfindig zu machen, die persönliche Kriegserfahrungen haben, und diese zu interviewen. Als zweiten Schritt sollten sie Momente der Erzählung aus ihrer Erinnerung heraus zeichnen. Mindestens ebenso wichtig wie das bildhafte Ergebnis ist bei Fletchers vielteiligem interdisziplinärem Unternehmen der Impuls zum Gespräch. So dürften die Kinder künftig hinter Opferzahlen, geopolitischen Erwägungen und Strategiedebatten konkrete Gesichter und Schicksale suchen.

An die Quelle von Kriegsberichten reiste der niederländische Künstler Renzo Martens. In den Flüchtlingslagern, UN-Quartieren und verwüsteten Städten Tschetscheniens stellte er den Bewohnern des krisengeschüttelten Landes die Frage „Was denken Sie über mich?“. Im Film sieht man wütende Menschen, die den Voyeurismus der Kriegsberichterstatter geißeln, aufgebrachte Frauen, die Hilfe fordern. Martens liefert keinen moralisierenden Appell ab, sondern gießt Öl ins Feuer, fahndet nach den Bildern, die der Medienapparat verlangt, richtet die Kamera aber auch auf sich selbst. Ein aufwühlendes Zeugnis der Janusköpfigkeit medialen Interesses an Leid und Verwüstung.

Das fehlende Glied in der Vermittlungskette zwischen Geschehen und Gefühl, zwischen Kriegsereignis und emotionaler Anteilnahme schließt die Gruppe S.W.A.M.P. mit ihrem Projekt „Improvised Empathic Device“. Ein Armband, das mit einer Website kurzgeschlossen ist, zeigt nicht nur persönliche Daten getöteter US-Soldaten an, sondern fügt dem Träger auch einen Nadelstich zu. Eine Schmerztherapie, die auch für das abgestumpfteste Sensorium virtuelle Sensationen wieder körperlich erfahrbar macht.

Um konkrete Menschen anstelle von abstrakten Netz-Protagonisten geht es auch in Joseph DeLappes „dead-in-iraq“. Der Künstler beteiligt sich nicht schießend und tötend am Ego-Shooter-Computerspiel „America Army“, sondern tippt die Namen der im Irakkrieg gefallenen US-Soldaten ein, sichtbar für die gesamte Game-Community. Zumindest wird die Fiktion des Spiels gebrochen und seine Funktion als reale Rekrutierungsstrategie ins Bewusstsein gerückt.

Wie mit dem Schrecken des Krieges und der Kriegsbedrohung umgehen? Die Ausstellung zeigt skurrile bis erschütternde Versuche der Aufarbeitung und Vorsorge. So schlägt das Designer-Duo Dunne & Raby den Gebrauch von „Huggable Atomic Mushrooms“ (Knuddel-Atompilze) aus der Serie „Designs for Fragile Personalities in Anxious Time“ zur individuellen Bewältigung von Ängsten vor einem Atomkrieg vor. So etwas muss wohl herauskommen, wenn man der These folgt, „irrationale“ Ängste müssen greifbar gemacht werden, damit man sie abschütteln kann.

Frei von Ironie sind die Beiträge von Sarah Vanagt, die Kinder aus der ersten Generation nach dem Völkermord in Ruanda bei ihren Kriegsspielen gefilmt hat, und von Harun Farocki, der Traumabewältigung mittels Computer-Animation thematisiert.

Das Cover-Motiv für die Oldenburger Ausstellung liefert ein Still aus einer „Fotoaktion“ von Milica Tomic. Die Künstlerin besuchte Orte in Belgrad auf, an denen Partisanen während des Zweiten Weltkrieges erfolgreiche Aktionen gegen die deutschen Besatzer durchführten. Die Vorstellung einer permanenten Mobilisierung, einer Latenz der Gewalt und einer latenten Notwendigkeit von Gegengewalt klingen hier mehr an als die Probleme der Virtualität von Krieg. Es geht um die Empathie für Rebellen, die Entschlossenheit zur Aktion gegen militärische Gewalt „mit einer Maschinenpistole in der Hand, die ganz einfach und mit Entschlossenheit getragen wird, so als wäre sie eine Einkaufstasche oder ein Regenschirm.“

Rechtfertigt die Verfasstheit der Wirklichkeit den Einsatz realer Gewalt und wie fühlt dieser sich an in „meinem Krieg“? Ist das besitzanzeigende Fürwort nicht da eine Fiktion, wo der Einzelne immer schon dem Kollektiv geopfert wurde?

(Bis 29. August, Katalog)

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