„Das Mädchen Rosemarie“ in Hannover

Nackte Hintern gefällig?

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Sex und Lügen: Rosemarie Nitribitt (Juliane Fisch) stöckelt durch einen Abend ohne Fallhöhe. ·

Hannover - Von Jörg Worat. Sex, Lügen und Video im hannoverschen Schauspielhaus: Nach diesem Motto hat Regisseur Milan Peschel eine Geschichte aus den fünfziger Jahren aufgemotzt.

Denn in „Das Mädchen Rosemarie“ geht’s um Rosemarie Nitribitt, jene Edelprostituierte, die nach übelster Kindheit in Frankfurt Fuß fasste und bald einen hochkarätigen Kundenstamm aus Wirtschaft und Politik hatte.

Am 1. November 1957 wurde sie ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden, der Täter ist bis heute unbekannt. Schon bald gab es die wildesten Verschwörungstheorien um schludrige Ermittlungen und verschwundene Akten. Erich Kuby hat über diese Biographie einen Roman geschrieben, Soeren Voima (aka Christian Tschirner) daraus eine Bühnenfassung gestrickt.

Nackte Hintern oder neckische Spielchen im Schaumbad gefällig? Wie wär’s mit einem dröhnenden Video-Clip über die „mothafuckin’ rich bitch“? Slapstick wird immer gern genommen? Regisseur Peschel hat all das und noch viel mehr im Angebot. Schon die Eingangssequenz in einer Hotellobby macht bald klar, dass dem Publikum wohl nicht viel Ruhe vergönnt sein wird: Wenn etwa Oscar Olivo als Zeitungsverkäufer hundert verschiedene Wege zeigt, möglichst umständlich einen Barhocker zu erklimmen, hat das schon akrobatische Züge.

In diese Szenerie stöckelt unbeholfen Rosemarie und wird umgehend hinausgeworfen. Doch sie bleibt am Ball und verschafft sich Zugang zu dem mysteriösen Raum, in dem feine Herren vermeintlich über harmlose Geschäfte und tatsächlich über die profitable Wiederaufrüstung debattieren. Wenn sie nicht unvermittelt zu Boden sinken und die Feinheiten der Teppichreinigung zu erläutern beginnen.

An Brüchen mangelt es ohnehin nicht. Da marschieren die betuchten Freier im Zeitraffer durch Rosemaries Wohnung, der Pianist (Juri Kudlatsch) mischt sich immer wieder auf russisch ein, zwei schräge Typen (Thomas Mehlhorn, Sandro Tajouri) erscheinen in den unpassendsten Momenten und geben bescheuerte Lieder von sich. Während im Hintergrund Projektionen von Fünfziger-Jahre-Straßen oder der Zeichentrickfigur Betty Boop ablaufen.

Überhaupt die Videos: Jan Speckenbach hat dafür ein derart umfassendes Konzept entworfen, dass wir die Darsteller fast häufiger live abgefilmt als leibhaftig sehen, gern in gewollt miserabler iPhone-Qualität. Mit dem Vorteil, dass Gesichter in Großaufnahme weniger verbergen können, und dem Nachteil, dass durch diese Medien gleichwohl zwangsläufig eine große Distanz erzeugt wird. Und davon gibt es ohnehin schon mehr als genug, weil Peschel die Geschichte offenbar nicht wirklich ernst genommen hat.

Zumindest bleibt unklar, was seine Inszenierung eigentlich sein soll. Als Milieuschilderung taugt sie kaum, als Skizze des Nachkriegsdeutschlands nur sehr bedingt und als Charakterstudie gar nicht. So gesehen erscheint es nur konsequent, dass die Handlung gegen Ende plötzlich und einigermaßen sinnfrei ins Filmset anno 1958 kippt, als „Das Mädchen Rosemarie“ verfilmt wurde. Und wen wundert’s, dass auch Namen wie McAllister, Schröder und Wulff ins Spiel kommen?

Durch die ständige Action erreicht der Abend keine echte Fallhöhe. Das ist am allerwenigsten den Darstellern anzulasten, Juliane Fisch in der Titelrolle oder Henning Hartmann als Großindustrieller Hartog können dem wilden Treiben sogar ein paar Momente differenzierter Emotion abgewinnen. Übrigens mischt auch Regisseur Peschel auf der Bühne mit, gezwungermaßen, weil Mathias Max Herrmann sich bei der Generalprobe eine üble Achillessehnenverletzung zugezogen hat. So gibt nun Peschel den omipräsenten Portier Kleie, für das ehemalige Ensemblemitglied der Berliner Volksbühne kein elementares Problem, wenngleich die Darstellung etwas überzogen gerät – das fehlte dann wohl doch der korrigierende Blick von außen.

Publikumsreaktionen? Ein paar Abgänge in der Pause, ein paar danach, und am Schluss überwiegend Beifall der Marke Sturm und Drang, durchmischt mit spitzen Entzückensschreien.

Kommende Vorstellungen: am 9. und 19. April sowie am 2. und 7. Mai, jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Hannover.

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