Das nackte Elend

Alize Zandwijk inszeniert „Die Ratten“ am Theater Bremen

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Gewinner des Abends ist das Bühnenbild von „Ratten“. Szene mit Beppe Costa (v.l.), Martin Baum, Gina Haller, Verena Reichardt, Mirjam Rast und Guido Gallmann.

Bremen - Von Corinna Laubach. Kurz vor dem tragischen Ende fallen die staccatohaften Satzfragmente, die das Gesehene nicht besser zusammenfassen könnten: „Alles morsch hier, alles faul.“ Das ganze erlogene Leben basiert auf einem brüchigen Fundament. Frau John bleibt in der logischen Konsequenz nur der Selbstmord. So will es Gerhart Hauptmann in seiner Tragikomödie „Die Ratten“.

In fünf Akten erzählt er exemplarisch im kleinbürgerlichen Milieu im Berlin Ende des 19. Jahrhunderts von Aufstieg und Fall, geplatzten Träumen und großen Hoffnungen. Als Folie reicht ihm ein Mietshaus. Unten hat die kinderlose Putzfrau Henriette John (Nadine Geyersbach) ihr ärmliches Zuhause, oben auf dem Dachboden lagert der Fundus vergangener Glanztage von Theaterdirektor Hassenreuther (Guido Gallmann), ihrem Arbeitgeber.

Nur zwei Treppen trennen Proletariat und Bourgeoisie. Frau John, die vor Jahren ihren Sohn nach nur acht Tagen verlor, träumt von einem Kind. Ihr Mann, der Maurerpolier (Alexander Swoboda), schuftet im fernen Hamburg und scheint darüber auch ganz froh zu sein. Als das unglückliche Dienstmädchen Pauline (Gina Haller) hochschwanger auftaucht, da wittert Frau John ihre Chance. Ein Handel soll das Glück richten. Natürlich wird er das nicht, vielmehr die Tragödie letztlich dadurch erst auf die Spitze treiben.

Am Ende wird es nicht weniger als zwei tote Babys, zwei tote Frauen und einen am Boden zerstörten Mann geben. Henriettes Bruder Bruno (Denis Geyersbach) wird als Paulines Mörder gesucht und der Hassenreuther? Der bekommt einen Neuanfang in Straßburg. Weit weg von dem Elend.

„Die Sonne? Das ist was für feine Leute“, sagt Frau John an einer Stelle. Es sind Sätze wie diese, die bestechend das Sozialdrama einrahmen. Da braucht es auch mehr als 100 Jahre später keinen Zusatz. Hauptmanns Stück hat seinerzeit das Theater erneuert. Mit ihm wurde der Naturalismus auf die Bühne geholt. Die Wirklichkeit auch in all ihrer Hässlichkeit abgebildet. Das war 1911. Und heute? Da sucht Regisseurin Alize Zandwijk die Erweiterung des Elends. Sie stellt glaubhaft zerbrochene Charaktere auf die Bühne. Aber auf diese Wirkung allein will sie sich trotz gut besetztem Ensemble nicht verlassen. Sie spannt Hassenreuther, den Gallmann als schmierigen Lackaffen mit halblanger Mähne gibt, vor den Karren und lässt ihn so richtig ausflippen. Der Berliner Jargon von einst wird im Hier und Jetzt dann sehr deutlich. In einer Probe mit dem Schauspielschüler Käferstein (Denis Geyersbach) platzt ihm der Kragen. „Scheiße“, „arrogantes Arschloch“, „ich könnte kotzen, wenn ich Sie anschaue“.

Gallmann keift und geifert und rät: „Sie wollen das Elend der Welt, dann schauen Sie Tagesschau.“ Das sitzt. Natürlich lacht das Publikum. Hassenreuther ist auch bei Hauptmann für den komischen Part verantwortlich. Wie es an anderen Punkten zu langatmig ist, ist es in der Selbstinszenierung Hassenreuthers zu selbstgefällig. Er lechzt nach „Atmo, mehr Atmo“, lobt „wundervoll“ und bringt damit so ziemlich jedes Theaterklischee auf die Bühne. Natürlich lacht auch darüber der Theaterstab. Ebenso über die brave Walburga (Mirjam Rast), die sich in den Pastorensohn Spitta (Simon Zigah) verliebt. Eine Liaison, die Papa Hassenreuther nicht gutheißt. Und so windet sich Walburga zu ihrer Befreiung aus Vaters Klauen im wahrsten Sinne vom Ober- ins Untergeschoss – Turnstange sei Dank.

Uneingeschränkter Gewinner des dreistündigen Abends ist das Bühnenbild. Das schiefe, erdrückende Betongerüst mit nackten Wänden, von denen der Putz blättert, beschreibt in seiner Kargheit das gesamte Innenleben (Bühne: Thomas Rupert). Rechts, bei Frau John in der Küche, da fällt die Betondecke ab, aufrechtes Stehen ist da nicht möglich. Auch kein aufrechtes Leben. Erdrückt von Ängsten, Träumen und Sorgen ist es zudem der Abend der Nadine Geyersbach als Henriette John. Die Schlappen, die Kittelschürze, die Panik im Blick, ihr Spiel überzeugt auf ganzer Linie. Langer Applaus.

Nächste Vorstellungen 

16.3., 10., 14. und 18.4 um 19.30 Uhr, 25.3. um 18 Uhr, Theater am Goetheplatz, Bremen

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