Bremer Gerhard-Marcks-Haus entdeckt den „ungeliebten Bildhauer“ Charles Despiau

Nackt aus der Schlacht

Charles Despiau: „Assia“, Bronze, 1937. ·
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Charles Despiau: „Assia“, Bronze, 1937. ·

Bremen - Von Johannes Bruggaier. In Frankreich wollen sie nichts von ihm wissen. Charles Despiau, einstmals einer der Stars der Bildhauerszene, Kollege von Auguste Rodin und Lehrer von Arno Breker, hat die Zeit der deutschen Besatzung zu gut überstanden, als dass sich seine Nation nach dem Krieg noch für ihn hätte interessieren wollen.

Despiau galt als Kollaborateur der Nazis, sein Kontakt zu Breker wurde ihm ebenso zum Verhängnis wie eine Propagandareise nach Deutschland, zu der sich etwa sein Kollege Aristide Maillol klugerweise krank entschuldigen ließ.

Als das Bremer Gerhard-Marcks-Haus im Pariser Centre Pompidou nach Leihgaben für eine eventuelle Despiau-Ausstellung fragte, lautete deshalb die Antwort: „Despiau? Meinen Sie diesen ungeliebten Bildhauer?“ Womit der Ausstellungstitel auch schon feststand. „Charles Despiau – Sculpteur mal-aimé“ heißt die Schau also, zu sehen ist sie bis zum 1. Juni.

Und wie sieht sie nun aus, die Kunst eines Kollaborateurs und Nazi-Freunds? Klassizistisch natürlich, mit edler Einfalt und stiller Größe: gestählte Männerkörper, Frauen mit ebenmäßigen Gesichtszügen. Doch der Eindruck täuscht. Zwar ist eine deutlich klassizistische Prägung nicht zu leugnen. Mit verherrlichender Riefenstahl-Ästhetik hat diese aber nichts zu tun.

Man muss den Kreis um Lucien Schnegg kennen, will man Despiaus heute so befremdlich wirkendes Bekenntnis zu Konkretion und Figürlichkeit verstehen. Schnegg, ein weitgehend in Vergessenheit geratener Bildhauer der Jahrhundertwende, hatte sich für eine Überwindung mancher Modeerscheinungen stark gemacht, die in der Romantik, vor allem aber im Impressionismus aufgetreten waren.

Insbesondere gilt das für die Tendenz, eine Skulptur ausschließlich aus einem spezifischen Moment heraus zu kreieren, sie damit ebendiesem Moment auszuliefern. Auch die bedingungslose Orientierung am eigenen Empfinden war dem Kreis um Schnegg suspekt. Statt um sich selbst zu kreisen, sollte der Künstler wieder der Natur huldigen, so lautete die Idee. Autonome und zeitlose Kunst war das Ziel.

Was für manchen also verdächtig nach reaktionärem Heroismus aussehen mag, ist bei Despiau vielmehr das Streben nach einer nicht zeitgebundenen Form auf dem Fundament des impressionistischen Erbes. Es zeigt sich in Büsten von jungen Mädchen aus der Provinz (wie dem „Jeune fille des Landes“ aus dem Jahr 1909), in denen sich kindliche Schüchternheit mit jugendlichem Stolz paart. Kein Zweifel: Hier spricht nicht der Künstler, nicht das empfindende Subjekt. Hier spricht vielmehr das Mädchen selbst, sein Antlitz als Ausdruck einer Selbstbewusstwerdung des heranwachsenden Menschen.

Im Marcks-Haus ist gleich eine ganze Halle vollgestellt mit solchen Büsten. Eine raffinierte Entscheidung deshalb, weil sich im Vergleich der Porträts eine künstlerische Entwicklung offenbart, die Ende der zwanziger Jahre frappierend expressive Züge trägt. So die Büste „Maria Lani“ aus dem Jahr 1929, welche das Gesicht der Schauspielerin förmlich nach vorne heraustreten lässt, wobei eine leichte Asymmetrie der Augenpartie dieser einen Ausdruck mystischer Verklärung verleiht.

In einem anderen Raum lässt eine Skulptur mit dieser Art der Verrätselung an Paula Modersohn-Becker denken. Eine „Eva“ (1925) steht irgendwie verloren im Raum, ihre rechte Hand verlegen vor den nackten Körper haltend, den seltsam runden Kopf zur Seite geneigt, als geniere sie sich ihrer eigenen Präsentation. Ihr gegenüber steht das Gegenstück: „Assia“ (1937) als Venus der Moderne, die kraftvoll mit vorgebeugtem Oberkörper der Zukunft entgegenschreitet, ihr Haupt lässig nach rechts gewendet, als gelte ihr mitleidiger Blick den zurückgebliebenen Verliererinnen der Emanzipation.

Man könnte sie für einen antiken Krieger halten, für Achilles, der gerade siegreich dem Schlachtgetümmel entsteigt. Das liegt nicht allein an der lässig selbstbewussten Pose, sondern auch an einer Tendenz zur Betonung maskuliner Körperpartien und vor allem aber an einer eher unnatürlich nach hinten abgewinkelten Haltung der Arme. So begegnen einander zwei so verschiedene Charaktere, die gleichwohl beide symbolhaft für den modernen Menschen stehen: für seine Irritation einerseits, für seine Potenz, seine Entschlusskraft andererseits.

Man muss das beides zusammendenken, um diesen Künstler zu verstehen. Es bleibt dann nicht mehr viel übrig vom Verdacht faschistischer Tendenzen und der Anbiederung an die nationalsozialistischen Machthaber. Charles Despiau erweist sich stattdessen als klassisches Opfer einer nationalen Katharsis: des Versuchs, das Böse durch radikale Eliminierung jedes bloßen Anscheins ein für allemal aus der Gesellschaft zu verbannen.

Mit der Bremer Ausstellung, die in Kooperation mit dem Den Haager Museum Beelden aan Zee realisiert wurde, ist dieser Säuberungsansatz sichtbar gescheitert. Für Despiau erfüllt sich damit jener Wunsch, der ihn einst dem Kreis um Lucien Schnegg beitreten ließ: Kunst, die gegen alle Widerstände ihre Zeit überdauert.

Bis 1. Juni im Gerhard-Marcks-Haus, Bremen. Öffnungszeiten: Di. bis Mi. und Fr. bis So. 10-18 Uhr, Do. 10-21 Uhr.

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