Museums-Direktoren in Bremen, Oldenburg und Hannover zu den Konsequenzen aus der Debatte um Kinderpornografie

Wie nackt darf Kunst sein?

Ernst Ludwig Kirchner: „Marcella“, 1909/10, Öl auf Leinwand. ·
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Ernst Ludwig Kirchner: „Marcella“, 1909/10, Öl auf Leinwand. ·

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Wenn es um Lehren aus dem Fall Sebastian Edathy geht, präsentieren sich Politiker dieser Tage in seltener Einmütigkeit. Der Handel mit Abbildungen nackter Kinder, so heißt es, gehöre verboten.

Doch was auf das Problemfeld der Pädophilie bezogen richtig erscheint, könnte für die Kunstfreiheit Risiken bergen. Aktporträts zählen seit Jahrtausenden zum Repertoire der Bildenden Kunst, um Altersgrenzen hat man sich dabei selten geschert.

Das Essener Folkwang-Museum hat sich nun gezwungen gesehen, eine Ausstellung von Polaroid-Fotografien des französischen Künstlers Balthus abzusagen, aus Furcht vor einer Schließung durch die Behörden. Manche Museumschefs aus Bremen, Oldenburg und Hannover sehen darin eine besorgniserregende Entwicklung – es gibt aber auch andere Stimmen.

Er sei „irritiert über die moralinsaure Bewertung“ solcher Motive, sagt Reinhard Spieler, Direktor des Sprengel-Museums Hannover auf Anfrage unserer Zeitung. „Die Kunst bietet doch einen Kontext, in dem man sich über solche Phänomene auseinandersetzen kann und muss. Wir zeigen ja auch Bilder, die Gewalt darstellen.“ Denke man die zurzeit diskutierten Verbotspläne weiter, dürften Museen bald „gar nichts mehr zeigen“.

Forderungen nach Ausnahmeklauseln für Kunst und Kultur, wie sie etwa Grünen-Politikerin Renate Künast erhoben hat, hält Spieler für unrealistisch: „Kunst lässt sich nicht eindeutig abgrenzen.“ Ausschließen könne und müsse man ausschließlich Werke, „die Straftaten als Grundlage zu ihrer Herstellung beinhalten“.

Ähnlich argumentiert die Leiterin des Oldenburger Horst-Janssen-Museums, Jutta Moster-Hoos. Die erotische Aufladung von Kinderporträts hänge meist vom Betrachter ab: „Diese Werke zu verbieten, weil vereinzelte Personen die Bilder in einer unangemessenen Weise betrachten oder missbräuchlich benutzen könnten, würde die Kunst reglementieren und um viele Werke ärmer machen.“

Ob der Unterschied zwischen Fotografie und Malerei überhaupt relevant ist, erscheint nach Moster-Hoos dabei fraglich. „Die Fotografie suggeriert einen anderen ‚Wahrheitsgehalt‘, während die Zeichnung oder Malerei eher eine Bilderfindung zu sein scheint, die im Kopf des Künstlers stattfand. Das wird die Intentionen des Betrachters aber im Zweifelsfall unberührt lassen.“

Peter Friese, Chef der Bremer Weserburg, fühlt sich von der aktuellen Debatte an den italienischen Maler Daniele da Volterra erinnert. Im Auftrag des Papstes Pius IV. hatte dieser im 16. Jahrhundert allzu freizügig abgebildeten Figuren der Sixtinischen Kapelle züchtige Beinkleider verpasst, was ihm bald den Spottnamen „Hosenmaler“ einbrachte. Skandalös an dieser Praxis sei weniger der Umstand, dass hier ein großartiges Fresko nachhaltig verfälscht wurde, sagt Friese: „sondern die Vorstellung, dass mehr oder weniger erfolgreich immer wieder ein Teil der Geschichte umgeschrieben werden darf und einem momentanen Zeitgeschmack angepasst wird.“

Die Kunst habe schon allzu oft solche „Korrekturen“ erfahren müssen. Kunstwerke im Nachhinein auf den Index zu setzen, wäre für Friese „Zensur im Sinne des jeweils vorherrschenden Zeitgeistes“: „Ginge man darin konsequent vor, müssten heute nicht nur die Bilder von Balthus aus den Museen verschwinden, sondern die Folterszenen und Gewaltexzesse der Märtyrerbilder und Darstellungen des Jüngsten Gerichts, wie man sie nicht nur in den Museen, sondern auch – in der Regel südlich von Bremen und Syke – noch ungefiltert in den Kirchen sehen kann.“

Tatsächlich bestehe die Funktion solcher Bilder gerade nicht darin, Wollust und Gewalt auszuüben oder zu fordern, sondern Gegenbild, Gegenentwurf und bisweilen Kompensation für manche Gräuel der Realität zu sein. Wer Bilder pauschal mit dem gleichsetze, was sie zur Darstellung bringen, verkenne ihre Möglichkeiten und ihre aufklärerische Funktion innerhalb der Kultur.

„Schutz von Kindern hat absolute Priorität“: Bremer Kunsthallen-Chef Christoph Grunenberg ·

Christoph Grunenberg, Direktor der Bremer Kunsthalle, zeigt sich über die Debatte weniger überrascht als seine Kollegen. Viele Jahre ist er in leitender Funktion an britischen Museen tätig gewesen. Und dort, sagt er, habe man dem Pädophilie-Problem schon immer eine höhere Aufmerksamkeit gewidmet. Eine „fast hysterische Reaktion oder ‚moralische Panik‘“ sei im angelsächsischen Raum oftmals zu beobachten, sobald dieses Thema virulent werde. Das habe in der Vergangenheit zu temporären Ausstellungsschließungen geführt – etwa 2001 in der Londoner Saatchi Gallery, die Fotografien der amerikanischen Künstlerin Tierny Gearon zeigte, auf denen ihre eigenen Kinder zu sehen waren. Strittige Kunstwerke würden entfernt, Kataloge zensiert, so auch Richard Princes Publikation „Spiritual America“ zur „Pop Life“-Ausstellung in der Londoner Tate Modern 2009.

Zur aktuellen Diskussion äußert sich Grunenberg im Vergleich zu den Aussagen anderer Museumschefs durchaus zurückhaltend: „Während der Schutz von Kindern absolute Priorität hat, müssen Kunstmuseen und Kulturinstitutionen auch die Freiheit haben, dieses kontroverse Thema wissenschaftlich zu erforschen und kritisch zu beleuchten. Dabei geht es auch darum, die sich wandelnden Vorstellungen und Traditionen von Kindheit und kindlicher Sexualität ins Bewusstsein zu rufen. Wir haben eine Verantwortung zu einer differenzierten und kritischen Betrachtung anhand von Kunstwerken, die unter Umständen verstören und provozieren können.“

Noch vorsichtiger kommentiert Rainer Stamm die gegenwärtige Diskussion. Der Leiter des Landesmuseums Oldenburg zweifelt, ob sich die Lage überhaupt nennenswert verändert hat: „Man reflektiert das Thema und damit zusammenhängende Entscheidungen heute natürlich bewusster als noch vor einigen Jahren. Eigentlich ist dieses Problemfeld aber nicht so neu, wie es scheint. Denn über die Präsentation von Kunstwerken oder kulturgeschichtlichen Exponaten zu entscheiden, die in anderen Kontexten als rassistisch, gewaltverherrlichend oder eben auch pornografisch gelten, zählt zum selbstverständlichen Verantwortungsbereich eines Museums.“

Tatsächlich war das Thema schon lange vor dem Fall Edathy brisant, wie eine Ausstellung des Sprengel-Museums vor vier Jahren bewies. Damals hatte das Haus Akte von Künstlern der expressionistischen „Brücke“-Gruppe gezeigt. Im Mittelpunkt standen dabei „Fränzi“ und „Marcella“, zwei minderjährige Modelle der Maler Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Max Pechstein. „Nicht erst seit den vielen Berichten von sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche muss man sich die Frage stellen, ob die Brücke-Künstler die Unerfahrenheit, die Jugend und die Unschuld der Kindermodelle ausgenutzt haben (…) oder ob in den Ateliers sogar mehr passiert sein könnte“, heißt es im Begleitkatalog. „Wir haben damals versucht, Ängste aufzufangen und zu problematisieren“, erklärt Museumssprecherin Isabel Schwarz heute dazu.

Zu finden ist in der Publikation auch eine Fotografie von Franz Fiedler aus dem Jahr 1910: Die mit „weiblicher Akt“ titulierte Abbildung eines Mädchens erfüllt eindeutig die Kriterien der heute diskutierten „Posing“-Bilder. Ein Verbot, wie es gegenwärtig vielfach gefordert wird, würde Fiedlers Fotografie wohl in den Giftschrank befördern.

Den Leiter des Sprengel-Museums, Reinhard Spieler, ficht das nicht an. Sein Haus verfüge in der Tat über einen reichhaltigen Foto-Bestand, sagt er: „Sollte sich darunter etwas befinden, das von den zurzeit diskutierten Verbotsplänen betroffen wäre, würde ich es trotzdem zeigen.“

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