Theater Bremen beendet Tanzsaison mit „Coexist“

Nackt im Beat

Vergleichsweise angezogen: Csaba Molnár (v. l.), Young-Won Song, Nóra Horváth und Andor Rusu in „Coexist“. Fotos: Jörg Landsberg

Bremen - Von Rolf Stein. So nackt war Theater lange nicht: Die Zeiten, als ein Strip im zumindest vorgeblichen Dienste der Kunst an der Tagesordnung war, sind zumindest in Bremen lange vorbei. Heute zuckt man bei solchen Dingen eigentlich eher müde mit den Achseln. Der kanadische Choreograf Dave St. Pierre musste in „Un peu de tendresse bordel de merde“, das vor sieben Jahren im Rahmen des Festivals in Bremen zu sehen war, seine splitternackten Tänzer schon auf Tuchfühlung mit dem Publikum gehen lassen, um kontroverse Reaktionen zu provozieren.

„Coexist“, eine Arbeit der ungarischen Choreografin Adrenne Hód mit der Bremer Tanzcompagnie Unusual Symptoms, erzeugt bei seiner Premiere am Wochenende mit viel Nacktheit wenn schon keine Kontroverse, dann aber doch verblüffend starke Reaktionen. Zum Ende einer Saison, die die Tanzsparte am Theater Bremen im Umbruch zeigt, belohnt das Premierenpublikum Hods Arbeit mit ungewöhnlich ausdauerndem, begeistertem Applaus.

Der gilt einem Theaterabend, der, wir deuteten es eingangs an, durch viel Entblößung auffällt, die ausdrücklich auch politisch kodiert ist. In der zweiten einer Reihe solistischer Miniaturen, mit denen „Coexist“ eröffnet, ist Jessica Simet, eine von zwei Gästen aus Ungarn, mit einem Koffer zu sehen, mit dem sie ihre Nacktheit kunstvoll verbirgt. Um am Ende ihr Solo der Zensur zu widmen.

Ironische Widmungen dieser Art zieren sämtliche durchnummerierten Soli: Mal werden all jene bedacht, die Nacktheit mögen, mal alle Diktatoren, mal die Pinguine der Antarktis, mal die, die an die Tänzerin eines Solos geglaubt haben. Und einmal auch Rudolf von Laban, schillernde Figur und wichtiger Impulsgeber der Tanzwelt, zeitweise der nationalsozialistischen Kulturpolitik tätig verbunden. Nora Runge legt diese dunkle Seite mit zuckendem rechten Arm und stolperndem Stechschritt bloß. Die Widersprüche sind auf dem Tisch – in übrigens gar nicht immer friedlicher Koexistenz. Gabrio Gabrielli zeigt der Tradition den Mittelfinger, wo Young-Won Song ihrer Kultur huldigt. Und Csaba Molnár eröffnet den Reigen splitternackt und mit Geigenbogen, mit dem er Dinge tut, die ein Geigenbauer kaum gutheißen dürfte. Gewidmet ist diese Eröffnung dem Vater.

Diese bisweilen regelrecht exhibitionistische Drastik setzt sich im zweiten Teil von „Coexist“ fort, aber eben ganz anders. Zu einem unbarmherzig vorantreibenden Techno-Beat, eingerichtet von dem multimedial arbeitenden Künstler und Musiker Ábris Gryllus, explodiert das Ensemble förmlich in eine erschöpfende Ensemble-Choreografie, die die Ästhetik des klassischen Tanztheaters mit Verve transzendiert. Damit fügt sich dieser Abend durchaus in die bisherigen Arbeiten der Unusual Symptoms ein.

Weitere Termine:

Donnerstag, 6. Juni, Samstag, 29. Juni, Freitag, 5. Juli, jeweils um 20 Uhr, Kleines Haus, Theater Bremen.

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