Poschner dirigiert Mahlers 7. Sinfonie

Nachtschatten

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Sinfonische Kolosse sind Gustav Mahlers Sinfonien allesamt, die 1905 entstandene Siebente aber ganz besonders. Sie gibt so viele Rätsel auf, dass sie vielleicht darum so selten gespielt wird.

Umso dankbarer konnte man nun den Bremer Philharmonikern und dem Dirigenten Markus Poschner sein, den Prozess dieses Werkes „Durch Nacht zum Licht“ mit ihrem ersten Konzert der neuen Saison zu riskieren. Zwei durch ein Scherzo unterbrochene „Nachtstücke“ beinhalten die Mitte des fünfsätzigen Werk, und Rätsel haben besonders die Ecksätze aufgegeben: Der erste zeigt mit einem Trauermarsch sozusagen erloschenes Leben, der Finalsatz einen ekstatischen C-Dur-Jubel, einen hysterisch übersteigerten Freudentaumel, ein Bekenntnis zum Leben.

Stilistische Zerrissenheit

Damit hatte nicht nur der große Otto Klemperer, der sich so für Mahler eingesetzt hat, Probleme. Auch Theodor W. Adorno sprach vom „ominös Positiven“ und sogar vom „ohnmächtigen Missverhältnis zwischen der prunkvollen Erscheinung und dem mageren Gehalt des Ganzen“.

Es galt, die drei Mittelsätze in ihrer merkwürdigen stilistischen Zerrissenheit zu gestalten und dann dem festlichen Jubel des Schlusssatzes gerecht zu werden, ohne zu forcieren oder zu überdrehen. Letzteres ist schwer genug angesichts der monumentalen Anforderungen, die in der Partitur notiert sind. Nicht zu schwer für Poschner, der mit dem gut folgenden Orchester zum wiederholten Male mit einer Meisterleistung – unvermeidlich, sich da zu wiederholen – der inneren und äußeren Disposition eine eineinhalbstündige Spannung aufbauen konnte, in der sich kein einziger Takt im Nirwana verlor. Der zentrale gespenstische Scherzo-Mittelsatz gelang als fantastischer Tanz, die ihn umrahmenden Nachtstücke wirkten wunderbar in ihren so schnell und immer wieder vollkommen überraschend wechselnden Atmosphären.

Der immer wieder zerschlagene Walzer im dritten Satz, die sanft ausgebreitete und ausbalancierte „Serenade“ zwischen Harfe, Mandoline, Gitarre und Solovioline im vierten Satz, es gibt unzählige Beispiele von atmosphärischer und sprechender Musik. Und der angebliche Jubel wird dann so viel mehr als ein „Rückfall in längst überwunden geglaubte tonale Kraftmeierei“ (Hans-Klaus Jungheinrich): tödliches Krachen, Beschwörung des Lebens, das ganz sicher nicht eintreten wird, Vergeblichkeit des Tuns in immer neuen Anläufen, vieles bizarr und grotesk.

Mit anhaltendem Beifall bedankte sich das Publikum für die Interpretation eines Werks, das der Komponist selbst für „sein bestes“ hielt und das für Mahler-Kenner einen schier unüberschaubaren Reichtum an Reminiszenzen enthält, unter anderem an das „Lied von der Erde“, die „Wunderhornlieder“ und die „Sechste Sinfonie“. Im Zuge ihrer Interpretation des Schaffens Gustav Mahlers sind die Bremer Philharmoniker auf einem mehr als überzeugenden Weg.

Rubriklistenbild: © dpa

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