Quintett-Experiment am Theater Bremen

Nachmachen? Eher nicht

Bremen - Von Johannes BruggaierAuch die Abschiedsparty ist vorbei: Das zwei Jahre währende Experiment einer fünfköpfigen Theaterintendanz gehört in Bremen nun endgültig der Vergangenheit an. Bleibt die Frage nach der Bilanz. Sollte man so etwas wiederholen, irgendwann, irgendwo?

Durchaus, finden die nun ehemaligen Theaterleiter Hans-Georg Wegner (Oper), Marcel Klett (Schauspiel), Patricia Stöckemann (Tanz), Rebecca Hohmann (Moks) und Martin Wiebcke (Betriebsdirektor). Und was die Finanzen angeht, seit Jahrzehnten die Gretchenfrage am Goetheplatz, so mag man der Empfehlung durchaus zustimmen: Schon ein Jahr nach der Bruchlandung von Ex-Intendant Hans-Joachim Frey erreichte das Team eine ausgeglichene Spielzeit. Für die jetzt abgelaufene soll sogar ein Plus von 900 000 Euro stehen – Geld, das freilich gleich in die Schuldentilgung fließt. In Bremen nimmt dies schon mancher zum Anlass, das Ende der an deutschen Theaterhäusern üblichen Monarchie auszurufen.

Dabei fällt die künstlerische Bilanz schon deutlich differenzierter aus. Da war zunächst die bemüht ambitionierte Spielplangestaltung des Schauspiels zu Beginn mit einer äußerst zurückhaltenden Berücksichtigung von Klassikern. Es gab einen nachvollziehbaren Grund dafür: die Absicht, mittels demonstrativer Abkehr von Freys Glanz-und-Glamour-Ästhetik das vergrätzte Stammpublikum zurückzugewinnen. Das ist auch in großen Teilen gelungen und fand in Herbert Fritschs Inszenierung von Hebbels „Nibelungen“ sogar eine szenisch überzeugende Umsetzung. Doch von Fritsch war fortan nichts mehr zu sehen, sein radikaler Zugriff blieb eine Eintagsfliege. Und auch sonst vermochte keine Produktion für das Haus stilbildend zu werden.

Denn darin besteht die Crux eines auf Teilhabe und Absprachen basierenden Theatermodells: dass der sorgsam ausgewogene Konsens stets die einsame, aber mutige Entscheidung schlägt. Theater aber ist Risiko, und Risiko bedarf einer klaren Verantwortungszuteilung. Eines Gesamtzuständigen, der sich feiern darf, wenn sein Mut belohnt wird. Oder der seinen Hut zu nehmen hat, wenn‘s schief geht.

Es gab manche beachtliche Produktion, in diesen zwei Jahren. Tobias Kratzers politisch ironische Sicht auf Wagners „Tannhäuser“ etwa, gerade wegen ihrer polarisierenden Wirkung. Oder Nora Somainis Reflexion des Kulturbetriebs in „Torquato Tasso“. Doch weder das Politische, noch die Kulturkritik waren mehr als singuläre Erscheinungen in einem auf bloße Solidität ausgerichteten Unternehmen. Und mit jedem Ärgernis – wie etwa einem denkbar blassen Horváth („Glaube Liebe Hoffnung“) oder einer allzu plakativen Aufbereitung der Arbeitsmarktproblematik („AltArmArbeitslos“) – war der jeweils neue ästhetische Ansatz wieder vergessen. Wofür dieses Theater nun eigentlich stehen sollte, ließ sich bis zuletzt schwerlich ausmachen.

So bleibt von den zwei Jahren Gemeinschaftsarbeit zwar ein betriebswirtschaftlicher Erfolg. Künstlerisch aber lediglich eine Konsolidierung. Ein Modell zum Nachmachen? Eher nicht.

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