Schostakowitschs Klavierkonzerte in einer neuen Einspielung von Alexander Toradze / Järvi dirigiert Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt

Nach dem Zeichentrick sozialistischer Realismus

Kreiszeitung Syke
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Syke - Von Johannes BruggaierZwei Klavierkonzerte auf einer CD, das bedeutet im Fall des Komponisten Dmitri Schostakowitsch fast so etwas wie eine kleine Retrospektive. Ein Vierteljahrhundert liegt zwischen den beiden Stücken.

Und vielleicht eignen sie sich wie keine andere Werkgruppe dazu, die Differenz im Leben dieses Künstlers aufzuzeigen: zwischen dem jungen Schostakowitsch im Jahr 1933 einerseits und dem älteren, von politischen Repressionen geprägten Komponisten 1957 andererseits.

In seiner Einspielung mit dem Frankfurter Radio-Sinfonie-Orchester unter der Leitung von Paavo Järvi bringt Alexander Toradze beide Facetten zur Geltung. Da ist zunächst das Klavierkonzert Nr. 1 in c-moll op. 35, dessen optimistischer, ja geradezu übermütiger Charakter sich schon an der Instrumentierung ablesen lässt. „Konzert für Klavier, Trompete und Streicher“ ist das Werk überschrieben. Eine einsame Trompete zu einem Streicherapparat? Das musste selbst in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts noch als Affront gelten – zu präsent war noch die ausladende Ästhetik der romantischen Konzerte von Chopin bis Tschaikowsky.

Wenn also der erste Satz vom Solisten mit einem flüchtig hingeworfenen Lauf eröffnet wird und sich darüber spitz und frech die gedämpfte Trompete erhebt, so klingt das wie die clowneske Begleitmusik der frühen Walt-Disney-Klassiker. Tatsächlich, so ist dem Programmheft zu entnehmen, hat Schostakowitsch seinerzeit für Zeichentrickfilme geschrieben und für sein Klavierkonzert daraus parodistische Anregungen bezogen. Toradze spielt diese ironischen Wendungen pointiert und mit viel Sinn für reizvolle Akzentuierungen und Verzögerungen. Das wirkt mitunter fast zirzensisch, dabei aber nie auf Effekt getrimmt, sondern vielmehr luftig und leicht.

In den beiden langsamen Mittelsätzen – auch dies eine Abkehr von traditionellen Formen – nimmt diese Verspieltheit melancholische Züge an. Wie Toradze diesen Widerspruch aus optimistischer Weltsicht und der mutmaßlichen Vorahnung kommender Einschränkungen mittels sanftem Anschlag und behutsamen Phrasierungen entfaltet, ist großartig. Als nicht weniger bemerkenswert aber erweist sich die Interpretation des Radio-Sinfonie-Orchesters, dessen satt intonierte Streicherparts stellenweise an die großen sinfonischen Werke Schostakowitschs denken lassen. So, wie auch im Schlussteil des dritten Satzes die anfängliche Heiterkeit einer aus den späteren Sinfonien bekannten Unerbittlichkeit militärischer Fanfarenmusik weicht.

Was nun das Klavierkonzert Nr. 2 in F-Dur op. 102 betrifft, so mutet das nach diesem avantgardistischen Frühwerk geradezu konventionell an. Zwar ist auch hier die optimistische Grundhaltung im Kopfsatz angelegt, zwar werden auch diesmal die erwartbaren militaristischen Reminiszenzen geliefert. Doch der Optimismus ist erkennbar der Parteilinie und ihrer Forderung nach einem „sozialistischen Realismus“ geschuldet. Und in den Trommelschlägen zeigt sich nur mehr ein Stilmittel ohne den einst dominierenden ironischen Bezug zur politischen Wirklichkeit.

Schostakowitsch selbst hatte seinem Werk jeden künstlerischen Wert abgesprochen. Gerade damit jedoch hat er ihm eben jenen Wert auch wieder beigemessen: Was Komponieren im politischen System dieser Zeit bedeutete, das nämlich lässt sich mit gutem Recht als die künstlerische Substanz dieses Konzertstücks begreifen. So variiert Toradze zwischen etüdenhaftem Vortrag einerseits und ausgestellter Dramatik andererseits, während Järvi und das Radio-Sinfonie-Orchester sich im zweiten Satz nicht scheuen, die gefällige Melodik bis zum Kitschverdacht auszuspielen.

Als Zugabe ist anschließend noch ein „Concertino für zwei Klaviere“ in a-moll (op. 94) enthalten. Kein großes Werk, geschrieben einst, um dem 15-jährigen Sohn Maxim und einer Mitschülerin ein virtuoses Stück zur Aufnahmeprüfung im Moskauer Konservatorium zu bieten. Bei Toradze und seinem Partner George Vatchnadze allerdings erklingt es in einer reizvoll robusten Tongebung mit volkstümlichen Andeutungen und kernigen Motiven. Auch das ist Schostakowitsch.

„Shostakovich Piano Concerto no. 1 & 2“ mit Alexander Toradze und dem Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt unter der Leitung von Paavo Järvi; Pan Classics 2012; 18,69 Euro.

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