SERIE: DIE NEUNTE KUNST „Daidalos 1“ von Charles Burns macht gespannt auf Fortsetzung

Auf dem Weg nach unten

Fantasie, Psychose, Kunst? Panel aus „Daidalos 1“ von Charles Burns. Foto: Reprodukt

Syke - Von Jan-paul Koopmann. Charles Burns hat den Comic nicht neu erfunden. Dass der US-Amerikaner trotzdem zu den Großen und Wichtigen des Mediums zählt, liegt im Gegenteil wohl gerade an seinem virtuosen Spiel mit dem, was ewig auf dem Tisch lag. Als lägen nicht Welten dazwischen, verbindet Burns die franko-belgische „Ligne claire“ mit frühen US-Horror-Comics und den schon wieder ganz anderen „Coming of Age“-Indies der 80er-Jahre. Es ist schon verblüffend, wie eine Bildsprache gleichzeitig so präzise und eindeutig sein kann, dabei aber derart vielschichtige Verweisräume auftut.

Das gilt auch für den gerade erschienenen Auftakt zu Burns’ neuer Serie „Daidalos“, auch wenn es nicht verwundert, dass erste Kritiken sich an der eindimensionalen Ausgangssituation verbeißen. Die ist nämlich tatsächlich auffällig simpel gestrickt: Monstermaler und -filmer Brian ist künstlerisch begabt, aber weltfremd – und arg überfordert mit dem Interesse, das ihm eine junge, attraktive Frau entgegenbringt. Ein wohl autobiografisch angelegter Nerd trifft auf eine Schöne, die ihn zwar nicht ganz versteht, aber trotzdem irgendwie bewundert.

Ob man das nun gut findet, weil es einen an selbstgerechten Weltschmerz von früher erinnert, oder schlecht, weil’s gendermäßig ganz grober Unfug ist – gerecht werden Burns beide Lesarten nicht.

Tatsächlich spielt der Comic nicht nur stilistisch mit Verweisen, sondern eröffnet auch in der Erzählung nicht immer widerspruchsfreie neue Ebenen. Es fängt schon damit an, dass die Erzählperspektive nach wenigen Seiten zu ihr übergeht, die dann vorsätzlich spät auch einen Namen bekommt, Laurie heißt und durchaus eigene Ideen vom Geschehen hat. Außerdem verschwimmen die Grenzen zwischen diversen inneren und äußeren Schauplätzen: Alte Horror- und Science-Fiction-Filme werde über mehrere Panels nacherzählt. Dann vermischen sich die glatten und kalten Oberflächen der Echtwelt mit zerklüfteten Landschaften aus Brians symbolisch überfrachteten Tagträumen, die er wiederum im Skizzenbuch nachzeichnet, woraus später ein weiterer Film entstehen soll. Es ist ein formaler Irrgarten, über den monströse, quallenartige Aliens hinwegschweben – und in dem nie wirklich klar ist, was hier Fantasie, was Psychose und was Kunst ist.

Erst als Laurie zum Ende dieses ersten Bandes einen Akt von sich selbst unter Brians Zeichnungen entdeckt, bekommt man eine wenigstens halbwegs trennscharfe Idee von Burns’ formaler Konstruktion – während zugleich zwischenmenschlich alles ins maximal Offene hinaus driftet. Dass in den Folgebänden noch weit mehr zu holen sein wird, als nur eine Metapher für verklemmt-sexistische Jungsfantasien, verspricht schon der Titel. Schließlich ist „Daidalos“ in der Mythologie nicht nur ein begnadeter Künstler wie Brian, sondern eben auch jener Typ, der das Labyrinth des Minotaurus baut – und sich beinahe in der eigenen Schöpfung verirrt. Fragt sich eigentlich nur noch, wann es endlich weitergeht.

Lesen

Charles Burns: „Daidalos 1“, Reprodukt, 64 Seiten Hardcover mit Leinenrücken, 20 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

USA raten zum Tragen von Masken - Trump will nicht

USA raten zum Tragen von Masken - Trump will nicht

Politik appelliert: Anti-Corona-Maßnahmen einhalten

Politik appelliert: Anti-Corona-Maßnahmen einhalten

Erfolgsgeschichte: Mit dem Octavia begann Skodas Aufstieg

Erfolgsgeschichte: Mit dem Octavia begann Skodas Aufstieg

Der Blauregen hat viel Kraft

Der Blauregen hat viel Kraft

Meistgelesene Artikel

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

Ulrich Mokrusch über Schließung wegen Corona: „Eine traumatische Erfahrung“

Ulrich Mokrusch über Schließung wegen Corona: „Eine traumatische Erfahrung“

Yung Kafa und Kücük Efendi: Die neuen Sterne am deutschen Rap-Kosmos - So gut ist ihr Mixtape „Dickicht“

Yung Kafa und Kücük Efendi: Die neuen Sterne am deutschen Rap-Kosmos - So gut ist ihr Mixtape „Dickicht“

Antenne Bayern und Bayern 3 verlieren viele Hörer - anderer BR-Sender gewinnt

Antenne Bayern und Bayern 3 verlieren viele Hörer - anderer BR-Sender gewinnt

Kommentare