„Drei Sekunden“: Nino Haratischwili zeigt in Bremen die Folgen eines Suizids

Nach der Tragödie

Szenen einer Schicksalsgemeinschaft: Julian Strawinsky (Guido Gallmann) und Patricia Prat (Laina Schwarz). ·
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Szenen einer Schicksalsgemeinschaft: Julian Strawinsky (Guido Gallmann) und Patricia Prat (Laina Schwarz). ·

Bremen - Von Johannes BruggaierDer Satz des Abends fällt erst nach einer knappen Stunde. „Wir sollten uns nicht kennen“, sagt da die Künstlerin Patricia Prat zum Buchverleger Julian Strawinsky. Darum geht es. Um eine Bekanntschaft wider Willen, um eine Verbindung, die sich niemand wünschen kann und die sich dennoch nicht einfach auflösen lässt. „Drei Sekunden“ heißt das kurze Stück über die Folgen eines Selbstmords. Die Autorin Nino Haratischwili hat es im Brauhauskeller am Theater Bremen selbst in Szene gesetzt.

Es geht damit los, dass der Luftballon platzt. Ratlos blickt Julian Strawinsky (Guido Gallmann) auf die Gummifetzen in seinen Händen. Er hat als Verleger schon viele Ballons in seinen Händen gehalten. Fiktive Geschichten seiner Autoren, luftig und leicht. Der Alltag – er war ein einziges Spiel mit der Wirklichkeit. Doch plötzlich steht da diese Frau vor dem Auto, Strawinsky kann nicht mehr bremsen, und mit einem Mal ist der Tod in sein Leben getreten: ganz real, nicht als literarische Idee.

Haratischwili packt das alles in dieses eine Bild, in das Zerplatzen eines Ballons und in das ungläubige Staunen seines Besitzers, der wie ein Kind nicht glauben mag, dass er selbst schuld gewesen sein soll an diesem Unglück. Und dann stehen da links und rechts seine Angehörigen, Schwester Margot (Susanne Schrader), Freund Martin (Timo Lampka). Eifrig reden sie auf ihn ein, er möge sich jetzt doch „bitte beruhigen“, er solle doch „aufhören“, sich über den Vorfall aufzuregen. Dabei sind sie selbst es, die sich erregen.

Was sie befürchten: Julian könnte sich verändern. Er könnte seine Unbeschwertheit verlieren, die sich schon in seinen sommerweißen Anzügen äußert und in seiner Freude am Zeitvertreib mit kleinen Ballspielen. „Ich will nicht, dass du dich veränderst, Julian!“, fleht Margot deshalb und verrät damit, dass sie den Vorfall nicht als Gefahr für ihren Bruder begreift, sondern als Bedrohung ihrer selbst.

Wer sich aber vor Veränderung fürchtet, ist in Krisen ein schlechter Ratgeber. Will Julian verstehen, was ihm da widerfahren ist, wird er wohl die Tochter der Verstorbenen sprechen müssen, die Künstlerin Patricia Prat (Laina Schwarz). Auch wenn an einem solchen Besuch weitere Träume zerbrechen können.

Zum Beispiel der Traum des Kunstprofessors Malcolm Porter (Helge Tramsen), der lange an eine gemeinsame Zukunft mit seiner Studentin Patricia geglaubt hat. Doch erst stürzte sich deren Mutter vor ein Auto und damit die Tochter in eine Krise. Und dann taucht auch noch der Fahrer des Unfallwagens auf: das andere Opfer dieses Vorfalls.

Eben noch tollte Porter mit Patricia übers Doppelbett, da sieht er sich plötzlich nur noch als Außenseiter in ihrem Leben. Einer, der nicht mitreden kann, wenn es um die Katastrophe und ihre Folgen geht – anders als dieser geschniegelte Buchverleger mit seiner betulichen Selbstbetroffenheit. Porters Wahrnehmung ist begründet. Denn ob Patricia will oder nicht: Julian ist von nun an der Mann ihres Lebens, ein Opfer desselben Schicksals, mit ihr verbunden durch die gemeinsame Frage nach dem Warum.

Es ist ein kompliziertes Leben nach dem Tod, und es spricht vieles dafür, dass Patricias Mutter genau das wollte. Ihr Suizid war eine Rache an der untreuen Tochter, die sich ihrem Zugriff entzogen hatte, um ein eigenes, glücklicheres Leben zu führen.

So stößt diese Inszenierung auf der Suche nach verborgenen Absichten und versteckten Motiven immer neue Türen auf: immer neue Deutungsmöglichkeiten dieser Tat und immer neue Blickwinkel auf die Figuren. Haratischwili zeigt die Kreise nach dem Steinwurf ins Wasser, die Tragödie nach der Tragödie. Indem sie die vermeintliche Hauptfigur ausblendet und sich ganz auf die Hinterbliebenen konzentriert, gelingt ihr ein facettenreiches Porträt menschlicher Beziehungsmuster.

Spannend ist dieses Kammerspiel vor allem deshalb, weil die Regisseurin Haratischwili die epische Erzählweise der Autorin Haratischwili in eine schlüssige Bühnensprache überträgt. Guido Gallmann vereint in der Figur des Verlegers Strawinsky die Souveränität eines Geschäftsmanns mit der kindlichen Unsicherheit eines Schöngeistes. Und Laina Schwarz zeigt in Patricia Prat eine Frau, die ihrer Mutter selbst nach deren Tod nicht entkommen kann.

Drei Sekunden, so soll der Titel besagen, können ein Leben von Grund auf verändern. Im Theater ergibt sich daraus ein Stoff für eineinhalb Stunden.

Weitere Vorstellungen: morgen sowie am 11. und 21. Februar, jeweils um 20.30 Uhr am Theater Bremen, Brauhauskeller.

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