Schauspiel Hannover bringt „Platonowa“ auf die Bühne

Nach dem Tanz bleibt nur der Tod

Mit Haut und Haaren dabei: Viktoria Miknevich als Platonowa (von links) mit Seyneb Saleh sowie Anja Herden und Nicolai Gemel. Foto: Katrin Ribbe
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Mit Haut und Haaren dabei: Viktoria Miknevich als Platonowa (von links) mit Seyneb Saleh sowie Anja Herden und Nicolai Gemel.

Hannover - Von Jörg Worat. Am Anfang ist der Tanz, am Schluss der Tod, und dazwischen geht‘s viel um verlorene Ideale, auch um Liebe oder besser gesagt um das, was die Figuren für Liebe halten: Im Schauspielhaus Hannover hatte nun „Platonowa“ nach Anton Tschechow Premiere.

Heißt das Stück nicht „Platonow“? Kein Druckfehler – die neue Intendantin Sonja Anders hatte ja angekündigt, das hannoversche Theater weiblicher machen zu wollen und das Ensemble entsprechend zu gleichen Teilen mit Männern und Frauen besetzt. Nun ist eben die Titelfigur aus Tschechows Frühwerk feminisiert worden.

Regisseur Stephan Kimmig hat den Stoff, der ungekürzt die Sieben-Stunden-Grenze überschreiten würde, auf gut 160 Minuten inklusive Pause eingedampft und schickt eingangs das Ensemble zum großen Tanz auf die Hinterbühne. Ein schöner Auftakt, denn schon werden charakterliche Unterschiede deutlich: Hier springt jemand ganz entfesselt herum, da schlägt eine Dame gar Rad, dort bevorzugt ein Herr deutlich dezentere Bewegungsmuster. Alsbald macht sich die Meute über das Publikum her und verbreitet Partystimmung. Eine forcierte, bemühte und letztlich trügerische, denn immerhin sind wir bei Tschechow und seinem Personal der Suchenden, Gescheiterten und Eskapisten. Als Katalysator für das Aufbrechen der Konflikte dient die Titelfigur, einst von revolutionärem Geist beseelt und im Laufe der Zeit merklich ernüchtert. Sie ist hier, wie gesagt, eine Frau, und überhaupt sind viele Figuren der Vorlage gegengeschlechtlich ausgeführt.

Platonowas Gattin bleibt allerdings so weiblich wie gewohnt, und ganz unproblematisch ist diese Setzung keineswegs, weil offen bleibt, ob dadurch tatsächlich, wie das Programmheft suggeriert, die zentralen Problematiken des Stücks besser zur Geltung kommen – man könnte andererseits argumentieren, dass hier eine Selbstverständlichkeit behauptet wird, die erstens nicht unbedingt ins Tschechowsche Universum passt und zweitens wohl nach wie vor so nicht existiert, wie auch immer dieser Tatbestand zu werten sei.

Weit weniger umstritten ist an diesem Abend die Ensembleleistung: Hier schmeißen sich nun wirklich alle derart bedingungslos mit Haut und Haaren ins Geschehen, dass es fast unfair erscheint, jemand hervorzuheben. So sei gleichsam stellvertretend Anja Herden als Ärztin genannt (im Original noch ein Arzt) – ihr Facettenreichtum irgendwo zwischen Abgebrühtheit und Sehnsucht berührt nachhaltig.

Die Inszenierung leidet indes vor allem im zweiten Teil unter Spannungsverlusten. Reißt zum Auftakt noch die phänomenale Energie des Ensembles viel heraus, zerbröselt das Geschehen nach der Pause zunehmend in Einzelepisoden – und die paar Nacktszenen hätte man sich auch sparen können.

Das Publikum ist allerdings größtenteils sehr angetan, der Begriff „Monsterapplaus“ nicht zu hoch gegriffen, was Regisseur Kimmig bei der Verbeugungsorgie zu munteren Bocksprüngen animiert. Nur im Rang hält sich die Begeisterung in Grenzen: Es hat sich erwiesen, dass die Bühne, für deren Vorbau Kimmigs Gattin Katja Haß eine Art Terrasse mit Tankstellencharme gestaltet hat, hier oben von etlichen Plätzen aus nur teilweise einzusehen ist. Auf Anfrage hat das Theater inzwischen mitgeteilt, dass die prekären Rangplätze bei kommenden Aufführungen gesperrt werden sollen, und wer bereits entsprechende Karten erworben hat, kann demnach mit einer Entschädigung rechnen.

Die nächsten Termine

Heute, 19.30 Uhr; Dienstag, Samstag sowie Mittwoch, 2. Oktober, jeweils um 19.30 Uhr, Schauspielhaus Hannover.

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