Mit der Präsentation einer erweiterten Sammlung Lafrenz zeigt die Bremen Weserburg ihr Profil

Mit und nach dem Minimalismus

Beflügelte Form: Robert Therriens „Butterfly“.

Bremen - Von Rainer Beßling(Eig. Ber.) · Das Cover-Motiv zur Schau ist gut gewählt. Robert Therriens ausgreifende Wandarbeit bestätigt im Untertitel die Assoziation, die sich dem Betrachter unmittelbar aufdrängt: zwei stehende, an den Spitzen zusammentreffende Dreiecke erinnern an Schmetterlingsflügel.

Das Ausstellungsumfeld, in dem Therriens über drei Meter hohes Werk auftritt, legt aber ebenso mindestens noch einen weiteren Deutungsansatz nahe. Neben Carl Andre, Richard Long, John McCracken oder Peter Joseph lässt sich „o.T. (Butterfly) als minimalistische Skulptur begreifen, die nichts mehr ist als man sieht: Grundform, Farbe und plastischer Körper.

Als Bildmotto für die Ausstellung „Double Rotation“ in der Bremer Weserburg passt auch der doppelte Flügelschlag bestens. Nach der jüngsten Rotation im Sammlermuseum zeigt sich die Kollektion Lafrenz mit ihren bekannten Ikonen aus Minimal Art, Concept Art, Arte Povera und Land Art, aber auch mit Arbeiten Jüngerer, die an die Formansprache der modernen Klassiker anknüpfen, jedoch weit entfernt sind vom Formpurismus, Universalanspruch, von auratischer Dinglichkeit und sakralem Ernst der amerikanischen Avantgarde-Väter. Schließlich haben sich auch die Kunst und die Wirklichkeit, auf die Künstler reagieren, weitergedreht.

Insofern ist Therrien auch für diese Ebene der Rotation ein geeigneter Repräsentant. In engerer minimalistischer Perspektive liegen nämlich erhebliche Störfakoren auf dem Stahl- und Eisen-Werk aus dem Jahr 1990. Eine brüchige, verwischte Oberfläche aus rot bemalten Papierbögen steht quer zur plastischen Schwere. Ein Rahmen fasst die Dreiecke wie ein Bild. Objektcharakter, Objekivität und Klarheit in Materialsprache und Grundform, die heiligen Verfügungen des Minimalismus, sind hier rüde missachtet.

Mit den Bearbeitungsspuren und der Rahmenfassung haben sich erzählerische Spuren auf Form und Farbe gelegt, Andre, Judd & Co. wären entsetzt. Die Monumentalisierung einer Form, die zwischen Figur und abstrahierter Form wie in einer Kinderzeichnung pendelt, bringt zudem noch ein psychologisches Moment ins Spiel. Gulliver lässt grüßen oder ganz klein stehen wir vor den Formen und Figuren dieser Welt.

Mit der Neupräsentation der Sammlung Lafrenz, die seit der Eröffnung der Weserburg zum Kernbestand und zum Besten der Hauses, widmet sich das Museum wieder dem Kerngeschäft und flaggt das Profil aus, das im weit über Bremen hinaus Anerkennung verschafft. Mit dem Generationenwechsel in der Sammlung, Björn Lafrenz löste seinen 1999 verstorbenen Vater Klaus ab, kamen neue Akzente in die Kollektion. Allerdings wurde Kontinuität insofern gewahrt, als auch der junge Sammler nicht den Kunstmarktströmungen folgt, sondern mehr dem eigenen Auge vertraut.

„Double Rotation“ gibt Werken eigenen Raum, die schon Klaus Lafrenz zum intensiven Dialog mit dem Bild verführt haben. Die Leinwände Jerry Zeniuks zählen dazu, stille, tiefe Farbräume mit Sogkraft und spirituellem Gewicht. Die Ausstellung inszeniert einen Raum, in dem die meditative Anschauung der Exponate fast unumgänglich ist. Wie archaische Zeichen und Mythenträger treten sie dem Betrachter gegenüber.

Zugleich eröffnet die Schau aber auch spannungsvolle Korrespondenzen mit Reibungen und Brüchen. Produktive Mitspieler sind dabei Künstler wie Johannes Esper. Schon der Titel seiner 2004 entstandenen Arbeit „Trauerrand“ missachtet das Erzählverbot des Minimalismus, an den es zuerst erinnert. Ein umlaufender schwarzer Rand ist in regelmäßigem Abstand von Raumecken, Decke und Boden aus eine Wand aufgebracht. Der Rahmen als Bild? Die Wand durch Rahmung zum Bild? Die Beerdigung des Konzepts und Installationsehrgeizes? Ein Requiem auf die Raumbezugsrechercheure?

„Double Rotation“ zeigt mit Werken, die an jedem großen Museumsplatz bestehen können, die Stärken der Weserburg. man kann sich auf dem Teerhof drehen und wenden wie man will: Das Profil stärken solche Projekte mehr als jeder bunte Falter, der nur als Quotenbringer durchs Haus flattert. Nun kommt es darauf an, den Rang zu kommunizieren und das Auge des Publikums zu beflügeln.

(bis 11.9. 2011)

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