Nach der Bundestagswahl: Im Gespräch mit Kunsthallen-Chef Christoph Grunenberg

Kunsthallen-Chef Christoph Grunenberg: „Falsch, sich anzupassen“

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Kunsthallen-Chef Christoph Grunenberg

Bremen - Von Rolf Stein. Es war ein Schock: Als die ersten Hochrechnungen nach der Bundestagswahl über die Ticker liefen und ein zweistelliges Ergebnis für die AfD verkündeten, reagierten auch Deutschlands Kulturschaffende. Der Intendant der Münchner Kammerspiele, Matthias Lilienthal, diagnostizierte gar ein „krachendes Versagen“ der meinungsbildenden Schicht und kündigte an, den Spielplan seines Hauses zu überdenken. Wir haben Bremer Kulturschaffende gefragt, wie sie auf den AfD-Erfolg reagieren. Christoph Grunenberg leitet seit dem 1. November 2011 die Bremer Kunsthalle.

Herr Grunenberg, wie haben Sie das Wahlergebnis empfunden?

Christoph Grunenberg: Der Wahlkampf war ja eher lau, und man dachte, es sei ohnehin alles klar. Jetzt ist natürlich nichts klar, und es macht sich eine neue politische Landschaft auf. Die Tatsache, dass die AfD als drittstärkste Kraft in den Bundestag einzieht, ist schockierend. Jetzt muss man sehen, ob es sich um ein temporäres Phänomen einer Protestwahl handelt, oder ob wir uns mit einer ganz neuen Gesinnung auseinandersetzen müssen. Wobei es diese Gesinnung auch vorher gab, aber die entsprechenden Parteien wie die Republikaner aber immer wieder sang- und klanglos verschwunden sind. Jetzt haben wir aber eine starke Bewegung, die bereits in einigen Landesparlamenten sitzt und wesentlich mehr Zulauf hat als frühere Parteien. Ich glaube, es wäre falsch sich dem jetzt anzupassen. Man muss sich natürlich mit den Ursachen auseinandersetzen, aber wie einige Parteien jetzt nach rechts zu rücken, ist keine Lösung.

Matthias Lilienthal hat gesagt, es handele sich um ein Versagen von Medien, Künstlern, Politikern und Intellektuellen. Hätte die Kultur diesen Erfolg der AfD verhindern können?

Grunenberg: Ich kann da nicht ganz folgen. Ich würde zustimmen, dass Kultur die Aufgabe hat, sich bei gesellschaftlichen Fragen aktiv zu engagieren. Daran besteht kein Zweifel. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, parteipolitisch aktiv zu werden. Es muss eine gewisse Neutralität bestehen. Man kann aber durchaus behaupten, dass manche Kulturinstitutionen ihrer gesellschaftspolitischen Rolle nicht gerecht werden und wir uns viel mehr mit aktuellen Problemen auseinandersetzen müssen. Dass wir viel mehr überlegen müssen, wie wir neue Zielgruppen erreichen und diese angemessen repräsentieren können. Die meisten Kultureinrichtungen haben ein bürgerliches Kernpublikum, was an sich nicht schlecht ist, weil dies ein engagiertes und treues Publikum ist. Aber das darf nicht zu Lasten anderer Gruppen gehen. Eine große Herausforderung ist, auf die demografische Entwicklung zu reagieren. Wir alle leiden darunter, dass das Publikum älter wird, wir nur schwer junge Menschen und Minderheiten erreichen. Das kann man nicht allein lösen, indem man gute Vermittlungsarbeit leistet, sondern das muss im Programm und im Mitarbeiterstab verankert sein und in dem grundlegenden Ansatz eines Museums oder Theaters.

Was bedeutet das konkret für Sie? Ändert sich durch die neue politische Lage etwas an ihrem Ansatz?

Grunenberg: Es ändert nichts fundamental an unserem Ansatz, außer dass wir in gewissen Bereichen unsere Anstrengungen intensivieren müssen. Es geht darum, die grundlegenden Strukturen einer Institution zu verändern, und so ein Kulturwandel braucht seine Zeit. Wir reden hier von fünf bis zwanzig Jahren, in denen sich dieser Prozess durchsetzen muss. Wir haben uns auf die Fahne geschrieben unser Haus zu öffnen, uns mehr mit aktuellen Fragen zu beschäftigen und neue Zielgruppen zu erreichen. Das tun wir zum Einen durch Aktionen wie „Kunst Unlimited: Ein Tag für Alle“, die als Reaktion auf die Migrantenströme entstanden und ein erstaunlich erfolgreiches Modell sind, durch das wir in der Tat ein neues Publikum erreicht haben mit beachtlichen 1 500 bis 2 000 Besuchern an einem Tag. Vielleicht noch tiefer geht die Ausstellung „Der blinde Fleck“, an deren Entwicklung und Realisierung wir ganz intensiv mit dem Afrika-Netzwerk Bremen zusammengearbeitet haben.

Müssen Kulturschaffende nun den Diskurs mit der AfD-Klientel suchen?

Grunenberg: Ich glaube, wir sollten keine parteipolitischen Diskussionen arrangieren, diese finden in anderen Foren statt. Gleichzeitig müssen wir Themen wie Globalisierung, Migration, Fremdenfeindlichkeit und Populismus, die die Wahldiskussion bestimmt haben, natürlich ansprechen, gerade auch weil es auch die Themen sind, die in der zeitgenössischen Kunst und Kultur präsent sind, mit denen sich viele Künstler auseinandersetzen. Im November haben wir eine Podiumsdiskussion im Rahmen des „Blinden Flecks“, wo es um das koloniale Erbe Bremens geht. Aber das koloniale Erbe ist ja nicht als ein singuläres Phänomen der Geschichte zu verstehen, sondern es gibt viele Parallelen zu heute. Ich glaube, auf dieser Ebene können wir einen wichtigen Beitrag leisten.

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