„Thanatos“ zeigt eine nachdenkliche, manchmal bizarre Interpretation des griechischen Totengotts

Mysteriöse Verabredung mit dem Tod

„Lasst die Party beginnen“: Augusto Jaramillo Pineda als Thanatos.

Von Mareike BannaschBREMEN (Eig. Ber.) · Bisher dachte ich, ein Metronom tickt immer gleich. Bisher. Da stand ich aber auch nicht mitten auf der Bühne, keine Scheinwerfer blendeten mich, und ich musste auch nicht 60 Taktschläge lang über das Ende meines Lebens sinnieren.

Neben mir steht der Tod, oder der, der vorgibt dieser zu sein, geschätzte 100 Leute starren mich an. Wahrscheinlich froh, nicht in der ersten Reihe gesessen zu haben. Der Kopf scheint wie leer gefegt.

Folgende Frage soll ich beantworten: Was würde ich in den letzten 60 Sekunden meines Lebens tun? Etwas leckeres essen? An den Werdersee fahren? Freunde oder Verwandte anrufen? Nein, das dauert alles zu lange. Schon der Griff zum Handy und das Wählen einer Nummer würde 30 Sekunden kosten. Mir muss etwas einfallen, ich überlege krampfhaft nach einer zündenden Idee – und im Hintergrund macht es „tock, tock, tock“. Ich fühle mich überhaupt nicht unter Druck gesetzt. Endlich ist das Metronom abgelaufen, sind somit auch die 60 Sekunden vorbei. Wird mich der Tod nun umbringen? Wohl kaum, das Ableben einer Pressevertreterin ist schlechte Werbung. Nein, der Anschauungsunterricht in Sachen Vergänglichkeit ist vorbei, und unter rhythmischen Stampfen der Zuschauer werde ich zum Platz zurückgeleitet.

Und bin mir bewusst, dass 60 Sekunden im Scheinwerferlicht zwar unendlich lang, aber für den letzten Gedanken doch zu kurz sind. Allerdings trifft der Tod die Menschen oft unvorbereitet, ohne eine Chance. Insbesondere Thanatos, der Totengott der Griechen, hat viele Gesichter und natürlich auch Arten die Menschen ins Jenseits zu schicken.

Augusto Jaramillio Pineda versucht bei der Premiere von „Thanatos“ in der Bremer Schwankhalle, dem Mythos Leben einzuhauchen. Und zwar nicht als Sensenmann mit Kutte, sondern als frecher Tänzer, trauriger Vollstrecker oder tanzendes Skelett.

Den Anfang macht dabei „La Catrina“, eine Frau im weißen Reifrock und mit schwarzen Leder High Heels, die das Publikum zu einem Fest mit den Ahnen einlädt. So scheint es zumindest. Denn es ist Pineda, der sich lasziv zu „Get the Party Started“ von Shirley Bassey bewegt und auf beängstigend hohen Absätzen ausgelassen tanzt. Mit irrem Blick und vorgestreckten Händen greift er nach dem Zuschauer, um ihn mit in die Unterwelt zu ziehen – belässt es jedoch bei dieser Andeutung und wickelt den Reifrock wie einen Kokon um sich. Ist der Tod am Ende doch verletzlich und unsicher? Unbekannte Facetten einer gefürchteten Gestalt.

Einen amüsanten Moment bietet ein großer grauer Sack, der langsam über die Bühne kriecht. Aus diesem steigt ein Herr im Frack, César Barco Manrique. Ein Helfer des Todes? Der Tod selber, der die Gestalt wechselte? Verwirrung macht sich breit, besonders als die beiden ein Gespräch auf Spanisch beginnen. Nach einem verzweifelten Ausruf: „Ich versuche zu sterben. Ich will doch sterben“, fällt die Person im Reifrock in sich zusammen. Sofort beginnt der nun behandschuhte Frackträger mit der Entsorgung. Nach der Entkleidung – auch beim Tod wird der Müll getrennt –  verschwindet Pineda in dem Sack und landet mit einigen Mühen am Rand der Bühne.

Doch kaum dort angekommen, zerreißen Hände und Füße die Hülle. Es ist wie verhext: Der Tod ist nicht totzukriegen.

In einem sehr persönlichen Moment begibt sich der Künstler ins Publikum und erzählt von drei für ihn wichtigen Menschen, die bereits verstorben sind. Wer ist es jetzt, der spricht? Pineda selber, der sich aus der Rolle des Todes löst oder will sich der Tod als einer der unseren darstellen? Der Ausruf „Este morrir – Der Tod“ legt Letzteres nahe, doch aufgeklärt wird die Situation auch hier nicht.

Das größte Mysterium hat sich der Künstler für den Schluss des Stückes aufgespart. Nach einem Part als fluoriszierendes Skelett, das zu der Klavierversion von „Get the Party Started“ tanzt, fällt Pineda zu Boden und stirbt. An sich nichts Ungewöhnliches. Nachdem das Licht wieder angeht, sitzt allerdings ein Huhn auf seinem Platz. Eine Antwort auf die Frage, was zuerst da war, Henne oder Ei? Man weiß es nicht.

Augusto Jaramillo Pineda gab in „Thanatos“ eine gefühlvolle Interpretation des Totengotts. Der Tanz als Skeletts zeigte dabei besonders sein Können. Die zahlreichen Perspektivwechsel ohne eine Erklärung allerdings ließen den Zuschauer mitunter ratlos zurück.

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