Vom täglichen Scheitern einer deutsch-türkischen Familie

„Mutter Vater Land“ am Theater Bremen

Ein alter Mann sitzt oben auf einer Art Regalbrett, unter ihm kauert sein erwachsener Sohn unter einer Leiter.
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Kommunikationsprobleme ziehen sich als verhängnisvoller roter Faden durch 100 Jahre Familiengeschichte

Immer auf der Suche nach Anerkennung, nach einer Heimat und einem Zuhause: Akin Emanuel Sipal bringt in „Mutter Vater Land“ die Geschichte seiner Familie auf die Bühne des Theater Bremen. 100 Jahre, die geprägt sind von Zweifeln, Ängsten und Problemen.

Bremen – Er muss sich entscheiden, jetzt, gegen einen seiner Pässe. Der junge Mann soll sich festlegen, ob er einer von ihnen sein will –  oder doch nur der Türke. Ein ewig Fremder, der keinen Platz in ihrer Mitte hat. Dass zwei Herzen in seiner Brust schlagen, dass er sich als Deutscher und als Türke wahrnimmt? Nicht vorgesehen. Wer Teil dieser Gesellschaft sein will, muss sich entscheiden – natürlich für die richtige Seite.

Humorvoller und tragischer Parforceritt

Nach dem gefeierten Liederabend „Istanbul“, „Ein Haus in der Nähe einer Airbase“ und „Shirin & Leif“ hat Akin Emanuel Sipal nun seinen nächsten Geniestreich auf die Bühne des Theater Bremen gebracht. In „Mutter Vater Land“ erzählt der ehemalige Hausautor die Geschichte seiner Familie als ebenso tragischen wie humorvollen 100 Jahre umspannenden Parforceritt. Jeder hier hat Probleme, hadert mit Zweifeln und Ängsten, die von einer Generation an die nächste weitergereicht werden. Ein Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Auch nicht für den Autor, einen jungen Mann auf der Suche nach sich selbst, der bei der Uraufführung von Sängerin Nihan Devecioglu, Musiker Jan Grosfeld und Schauspieler Matti Weber verkörpert wird. Egal, ob singend oder schreiend, alle drei vereint der Wunsch nach Zugehörigkeit. Obwohl er in Deutschland geboren ist, die Oma wie es sich gehört mit einer deutschen Flüchtlingsgeschichte aufwarten kann und der Ur-Opa bei der Wehrmacht war: Er ist kein richtiger Deutscher – zumindest, wenn es nach Dozenten, Mitschülern und, ja, auch der Oma geht. Ein richtiger Türke ist er aber auch nicht, jedenfalls, wenn man seinem türkischen Großvater Glauben schenken darf. Was ist er also? Ein ewig Suchender. Genauso wie sein Vater vor ihm und der Großvater davor. Niemand in dieser Familie hat seinen oder ihren Platz gefunden. Nicht mal nach außen hin taugt der schöne Schein, vor allem die Verwandtschaft ist unerbittlich in ihren harten Urteilen. Anfeindungen muss hier niemand draußen suchen, die gibt es schon beim täglichen Miteinander.

Collage mit Live-Gesang

All dies inszeniert Frank Abt mit behutsamer, durchaus humorvoller Hand als eine Collage, die von bestens aufgelegten Schauspielern und wunderbarem Live-Gesang lebt. Unterstützt von an die Wand projizierten Bildern und Tagebucheinträgen (Bühne und Kostüme: Susanne Schuboth) springt die Handlung dabei zwischen den Jahren hin und her, streift Putsch, Flucht und Weltkrieg. Vornehmlich konzentriert sich das Ganze aber auf markante Momente in der Familiengeschichte wie beispielsweise das Kennenlernen der Eltern oder Großeltern. Augenblicke, in denen alles in Ordnung scheint.

Natürlich ist diese Ruhe nur flüchtig, sie macht ziemlich schnell Vorwürfen und Keifereien Platz. Jedes Familienmitglied weiß sehr genau, welcher verbaler Querschlag so richtig wehtut. Dabei geht es ihnen nicht primär darum, zu verletzen, sondern eher darum, ein Ventil für das eigene Elend zu finden. Denn nicht nur der Enkel sucht nach seiner Rolle in der Gesellschaft. Selbst die Oma (Irene Kleinschmidt als gefühlskalte, schlesische Bilderbuch-Deutsche) ist eine Außenseiterin –  hat sie sich doch mit dem Türken eingelassen. Dieser ist zwar ein gefeierter Übersetzer, aber eben auch nur Türke. Und dann auch noch einer, der wieder nach Istanbul gezogen ist – ohne Frau und Sohn versteht sich. Siegfried W. Maschek gibt den Patriarchen als empathielosen Gelehrten, der aus Sohn und Enkel die perfekten Türken machen will. Ein Wunsch, der natürlich zum Scheitern verurteilt ist. Erstens, weil es den perfekten Türken per se nicht gibt und zweitens, weil sie eben auch andere Wurzeln und andere Einflüsse haben.

Reigen aus Wortbildern und Emotionen

„Wer Türke ist, erklärt sich ständig“, ein denkwürdiger Satz, den Nihan Devecioglu fast schon lapidar in diesen Reigen aus Wortbildern und Emotionen wirft. Ein Satz, der enorm viel Wucht besitzt und einmal mehr vor Augen führt, womit Einwanderer und ihre Familien jeden Tag zu kämpfen haben. Mit mal mehr, mal weniger unterschwelligem Rassismus, kaum gerechtfertigten Vorurteilen und dem ständigen Kampf, mehr sein zu müssen als der Quoten-Türke.

Um ein vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft zu werden, gilt es, sich unterzuordnen, die Wurzeln zu verleugnen und ständig auf der Hut zu sein. Nicht, dass einem noch eine Nähe zu Erdogan nachgesagt wird. Dass am Ende trotzdem Scheitern steht, zeigt Sipal ein ums andere Mal in dieser fabelhaften Aufarbeitung seiner eigenen Familiengeschichte. Ein Abend, an dem unklar bleibt, was Fiktion und was Wahrheit ist. „Mutter Vater Land“ blättert Missstände schonungslos auf und gibt viel Anlass zum Nachdenken –  das ist auch gut so.

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