„We disappear“ am Theater Bremen

Mutproben aus dem Jugendzimmer

Auch am Anfang gab es einen Anfang: Szene aus „We dissapear“ am Theater Bremen. ·
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Auch am Anfang gab es einen Anfang: Szene aus „We dissapear“ am Theater Bremen.

Bremen - Von Andreas Schnell. Am Einlass liegen Ohrstöpsel und Sonnenbrillen, ein Schild warnt vor Stroboskoplicht – und die vier Akteure, die mit viel Gerät den White Cube der Bühne betreten, tragen Overalls und Sonnenbrillen, darüber Grubenlampen. Könnte gefährlich werden.

Zunächst allerdings passiert erst einmal gar nichts. Alexander Giesche, Nadia Fistarol, Mirko Hecktor und Tarun Kade sitzen da, dem Publikum den Rücken zugewandt, und schauen still vor sich hin. Bis dann einer laut darüber nachdenkt, was denn wohl passiert, wenn Dinge ihre Funktion nicht mehr erfüllen wollen. Offenbar weiß das aber niemand – weshalb es ausprobiert werden muss.

Ein Luftballon wird an ein Gebläse angeschlossen und gewinnt an Größe. Mit Musik, klar, ist das natürlich viel spaßiger, und „Under Pressure“ von David Bowie und Freddie Mercury passt da ganz hervorragend. Laut muss es auch sein, damit man durch die Ohrstöpsel, die die vier auf der Bühne vorsichtshalber angelegt haben, auch noch was mitkriegt. Im Publikum breitet sich Unruhe aus. Wer versäumt hat, am Eingang Ohrstöpsel mitzunehmen, hält sich die Ohren zu.

Der Song ist aus, der Ballon wächst weiter – spielen wir ihn eben noch einmal. Und dann... Nein, es ist kein sogenannter Spoiler, wenn wir verraten, dass der Ballon dann doch nicht kaputtgeht, sondern stattdessen planvoll und gemächlich die Luft verliert. Es ist ja noch gar nicht gesagt, ob das bei jeder Aufführung so glimpflich verläuft.

Der experimentelle Charakter von „We disappear“ ist schließlich auch ganz immanent. Die Tischtennisbälle zum Beispiel, die zu Hunderten von der Bühnendecke prasseln und hernach mit zwei Standgebläsen zum Tanzen gebracht werden, ergeben nicht nur ein hübsches Bild, sondern sind – so zumindest die Behauptung – auch ausgewertet worden. Mirko Hecktor weiß nämlich zu berichten, dass circa regelmäßig 0,5 Prozent der Bälle bei der Performance kaputtgehen, während die vier sich der mühevollen und zeitaufwändigen Aufgabe widmen, die Bälle wieder einzusammeln.

Andere Experimente, die reizvoll zwischen heiterer Wissenschaft und Jugendzimmer oszillieren, haben etwas von Mutproben: Was zum Beispiel passiert, wenn ein Mensch sich mit einer Nebelmaschine in einen Ballon stellt und sich einnebelt? Irgendwann fängt er an zu husten. Tarun Kade bekommt das am eigenen Leib zu spüren. Dafür darf er auch im vielleicht schönsten Bild des Abends die Hauptrolle spielen. Weil natürlich auch diesem Ballon die Luft abgelassen wird. Und mit ihr der Nebel entweicht, in dem Kade steht.

„Am Anfang gab es nicht einmal einen Anfang“, erklärt eine Stimme aus dem Off. Es gab bekanntlich aber dann doch einen, das Universum entstand und mit ihm eines Tages auch der Mensch, so geht die Geschichte weiter.

Das vorläufige Ende stellt in der Variante ein üppiges Schaumbad dar. Seifig, ein bisschen in den Augen brennend, luxuriös und amorph nähert es sich uns aus dem hinteren Bühneneck. Bevor wir und alles andere aber darin verschwinden könnten, löst sich stattdessen „We disappear“ gleichsam in Luft auf.

Nihilistisch, wie die Nachtkritik nach der Premiere in München schrieb, ist das durchaus – weil es sich der Sinnhaftigkeit zugunsten einer Zweckfreiheit, zwischen gelassen und ausgelassen pendelnd, verweigert.

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