Premiere von „Tristan und Isolde“ in Oldenburg gefeiert

So muss Wagner klingen

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Liebe im Sanatorium: Szene aus „Tristan und Isolde“ am Oldenburgischen Staatstheater. ·

Von Markus WilksOLDENBURG · Nun ist das Wagnerjahr doch noch in der Nordwestregion zu spüren. Drei Wochen nach dem Bremer „Holländer“ kam nun in Oldenburg „Tristan und Isolde“ heraus: szenisch äußerlich reduziert, aber im Verlauf der Oper zunehmend packend, musikalisch unbedingt hörenswert.

„Tristan und Isolde“ ist Richard Wagners persönlichstes Bühnenwerk. Keine andere Oper trägt so starke biografische Züge und ist so schonungslos emotional. Und doch ist es sein „Schmerzenskind“, denn eine vier Stunden lange Oper, in der es primär um seelische Vorgänge geht und es fast keine äußere Handlung gibt, lässt sich nur schwer in Bilder setzen. So dauert es auch über einen Akt lang, bis Alexander Müller-Elmaus Inszenierung an Sogkraft gewinnt, bis sie am Ende gar mit starken Bildern schließt. Denn erst mit Isoldes Liebestod wird klar, wie wenig von dem, was das Publikum in den Stunden zuvor gesehen hat, Bühnenrealität, sondern vielmehr eine Vision – vermutlich – des sterbenden Tristan ist. Das Einheitsbühnenbild (ein klinisch toter, großer Raum) stellt denn auch nicht das Innere eines Schiffes oder einer mittelalterlichen Burg dar, sondern wohl einen Saal in einem heutigen Sanatorium. Da Alexander Müller-Elmau den Librettotext zunächst ohne Zwischentöne herunterspielen lässt, wird die beabsichtigte Vermischung von Realität und Traum im ersten Akt nicht erkennbar, zumal die Sänger schauspielerisch zeitweise unbeholfen wirken, was durch die wenig kleidsamen Kostüme (Werner Fritz) verstärkt wird.

Im zweiten Akt, wenn sich das Paar, das sich nicht lieben darf (Isolde ist König Marke versprochen), dann endlich trifft, beginnt die Inszenierung zu funktionieren. Isolde läuft zwar wie ein unbeholfener Nachtfalter über die Bühne, doch eine pendelnde Lampe verdeutlicht sehr schön Wagners Spiel mit Licht, Schatten, Tag und Nacht. Jetzt kommt Isolde ihrem Tristan endlich nahe – aber nur seelisch, nicht körperlich. Erst im Tod, den der Regisseur als ein Auflösen des Ichs deutet, können sie sich vereinen. Dass sie sich gegenseitig mit dem Messer ritzen und Tristan später wohl auch seine Augen zerstört hat, ist ein wesentlicher Baustein in der Darstellung der obsessiven Elemente, die diese unmögliche Liebe auszeichnet. Rund um die Figur des Melot bietet die Inszenierung Kennern des Werkes weitere interessante Ideen.

Alexander Müller-Elmau „füllt“ das von ihm entworfene Bühnenbild immer stärker mit einer doppelbödigen Atmosphäre und gibt Tristans Fiebervisionen im dritten Akt einen einfachen, aber idealen Hintergrund. Hier steigert sich Christian Voigt mit seinem leicht verhärteten (und im ersten Akt noch intonationsungenauen) Tenor in eine bestechende Form hinein. Er bleibt den ekstatischen Ausbrüchen kaum etwas schuldig und gestaltet die lyrischen Passagen eindringlich. Welch ein Unterschied zu den beiden letzten Oldenburger Produktionen, die mehrere Tenöre verschlissen haben.

Mit Melanie Maennl (früher einige Jahre in Bremerhaven engagiert) hat dieser Tristan eine Isolde an seiner Seite, die gekonnt und wortdeutlich gestaltet. Ihre Stimme hat sich zu einem kraftvollen hochdramatischen Sopran entwickelt, der jedes Orchesterforte übertönt und zwar nichts von seiner charakteristischen Stimmfarbe verloren, aber an Höhenschärfe und -vibrato gewonnen hat. Die oft als undankbar empfundene Rolle des Kurwenal wird durch Peter Felix Bauer und seinen kernigen, klangvollen Wagnerbariton aufgewertet. Auch Linda Sommerhage (Brangäne) kann sich behaupten, gleichwohl sie wegen der ähnlichen Stimmfarbe etwas im Schatten der Isolde steht. Mit großer Gestaltungskraft, aber vielen verquollenen und verfärbten Tönen zeichnete Benjamin LeClair das Portrait des am Ende zerbrochenen König Marke.

Das insgesamt überdurchschnittliche Niveau wurde in der umjubelten Premiere noch vom Oldenburgischen Staatsorchester gesteigert, das vor allem in den Bläsergruppen mit tollen Klangfarben (Klarinette) und sicherer Tongebung (Blechbläser) gefiel. GMD Roger Epple weiß, wie man Wagner dirigiert: wie man Höhepunkte setzt, wie man einen klanglichen Sog gestaltet, wie man beispielsweise vom ruhevollen Beginn aus große Steigerungen aufbaut, wie die einzelnen Instrumente ineinander überführt werden müssen. Zugunsten der Sänger drosselt Roger Epple gekonnt das Orchester, ohne dabei die Details der Partitur einzuebnen oder gar mit einem Weichzeichner zu musizieren. So muss Wagner klingen.

Die nächsten Vorstellungen: am 20. Oktober um 15 Uhr, am 3. November um 16 Uhr sowie am16. November um 18 Uhr im Oldenburgischen Staatstheater.

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