Das Schiller-Museum Weimar verfolgt Wege und Würdigung eines Dichterkopfes

Es muss der größte Schädel sein

Friedrich Schillers Totenmaske.

Von Rainer BeßlingWEIMAR (Eig. Ber.) · Diese Geschichte eines großen Kopfes ist bizarr. Spricht man von der Beziehung Goethe-Schiller, darf sie nicht fehlen. Aber auch über die Erinnerungskultur im allgemeinen gibt das Schicksal von Schillers Schädel erhellende Auskunft.

Anlässlich des 250. Geburtstags des Dichters rekonstruiert das Schiller-Museum Weimar die Odyssee des prominenten Gebeins und den Untersuchungsaufwand, der um Kopf und Schädel des Autors getrieben worden ist. Rund um die „Physiognomie einer fixen Idee“, so der Titel der Ausstellung, werden Lebensbilder aufgeblättert und Totenmasken gezeigt, trifft der Kult um einen Nationalhelden auf nüchterne anthropologische Forschung.

Zur Erinnerung: Zwei vermeintliche Schiller-Schädel konkurrierten bis 2008 um Echtheit. Der von Weimars Bürgermeister Schwabe 1826 aus dem so genannten Kassettengewölbe des städtischen Friedhofs geborgene – der größte Schädel im Knochenhaufen musste es eingedenk des Genies Schillers ja wohl sein! Und der 1911 von dem Mediziner August von Froriep vorgelegte. Eine DNA-Analyse klärte jetzt endgültig, dass keiner von beiden der richtige seine konnte.

Nun ist Schillers Sarg in der Fürstengruft leer. Die Klassik Stiftung Weimar trauert aber nicht um den Verlust eines Magneten für Literaturpilger, sondern geht mit Schädel-Ausstellung und begleitender Publikation in die Offensive und fragt: Was begründet die Aufregung um die sterblichen Überreste des Dichters? Warum bedarf offenbar auch ein aufgeklärte Gesellschaft im Gedenken an ihren Helden einer greif- und sichtbaren Reliquie? Und das auch noch bei einer Geistesgröße, die den Triumph des Ideals über das irdische Schicksal propagierte, bei einem Mann, der die Losung prägte, dass es der Geist sei, der sich den Körper schaffe.

Im Grunde war es Goethe, der den Schädelkult begründete. Noch zu Schillers Lebzeiten hatte der ältere Weimarer Literat verkündet, dass die Nation des idealistischen Herolds gar nicht würdig sei, den sie in Schiller identifizierte. In der Tat: Das armselige Begräbnis des körperlich lange Gepeinigten stand in keinem Verhältnis zur beinahe religiösen Verehrung, die man dem Verfasser der „Heiligen Johanna“ und des „Wallenstein“ zuvor entgegen gebracht hatte.

Auch Goethe fehlte bei der Beisetzung des Freundes. Der Gedanke ans Sterben und jeder Tod bescherten ihm regelmäßig Unbehagen. Er verehrte den Kollegen, hatte ihn aber nie leiden sehen können. Er pries ihn bei jeder Gelegenheit, hätte aber den Anblick der sterblichen Überreste nicht ertragen und den Sarg auch nie tragen können. Auch als der von Bürgermeister Schwabe gehobene Schädel in der Herzoglichen Bibliothek unter der Büste des Dichters feierlich eingelagert wurde, fehlte der „angegriffene“ Goethe.

Eine Woche später allerdings ließ dieser sich Schillers Schädel bringen und verwahrte ihn ein Jahr in seiner privaten Bibliothek – bis König Ludwig von Bayern die Reliquie sehen wollte und sie deshalb wieder ihren offiziellen Platz einnahm. Dass Goethe Schiller nicht vergessen konnte, lässt sich nachvollziehen. Auch dass er wollte, dass die Nation den Dichter der Freiheit und des Ideals nicht vergessen soll, diesen Repräsentanten eines heroischen Kampfes gegen die Widrigkeiten der Natur. Aber warum braucht er für die Inkarnation des Geistes ein Zeichen der irdischen Existenz? Warum wollte er ein Stück Körper bewahren, während er alles tat, eine besondere Seele unsterblich zu machen?

Das Weimarer Ausstellungsprojekt stellt nicht nur gegenüber, wie eine Schädelkunde aus dem frühen 19. Jahrhundert Geistesqualitäten in der Beschaffenheit des Schädels zu begründen suchte und wie spätere metrische Methoden das Aussehen des Dichters aus den Überresten abzuleiten suchten. „Die Physiognomie einer fixen Idee“ stellt vor allem einen Denkmalkult zur Debatte, den Hans Tietze im Jahr 1921 so umriss: „Vergangenes ragt, von allen Schauern dunklen Seins umweht, im Denkmal sichtbar und fassbar in Gegenwart hinein; Leben klebt an ihm wie Blut an Mordstätten, das den Geist des Dahingegangenen nicht zu vollen Ruhe entschlafen lässt. Die Vergangenheit lebt vom Denkmal wie das Denkmal von der Vergangenheit; es ist mehr ein Symbol jener, es ist ihr verdichtender Niederschlag, ihr gedrängtester Auszug. Der Leib, in den die Seele der Vergangenheit eingegangenen ist.“

„Schillers Schädel“, bis 31. Januar, Schiller-Museum Weimar. Begleitband zur Ausstellung, Wallstein Verlag, Göttingen, 240 Seiten, 29 Euro.

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