Ein Bremer Festival für die Philharmoniker

Musizieren am Limit

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Gelegentlich begegnen dem Musikhörer ja Orchesterwitze. Sie sind alle grottenschlecht und gehen davon aus, dass Orchestermusiker erstens sowieso nicht ganz bei Trost sind und dass zweitens niemand von ihnen irgendetwas kann.

Wie es dazu kommen konnte, kann eigentlich nur daran liegen, dass es in einem großen Orchester mit fast hundert Musikern immer irgendwann zu irgendwelchen Neid- und Konkurrenzsituationen, zu Herdenverhalten und vielem mehr kommt.

Vielleicht liegt es auch an der Kompensation der immer abverlangten Hochleistung: Denn in den großen Sinfonieorchestern sind alle großartige Könner ihres Instruments und arbeiten stets an der Hochleistungsgrenze. Das wissen die Musikhörer, aber es war eine gute Idee, im Rahmen von „phil intensiv“, dem Festival-Format der Bremer Philharmoniker, das sonst meist einen Komponisten in drei Konzerten vorstellt, einmal darauf hinzuweisen und Orchestermusiker als Solisten vorzustellen. Das Projekt ruft nach Wiederholung, weil in drei Konzerten viel zu wenig gezeigt werden konnte.

Mit Ovationen endete das erste Konzert unter der Leitung von Markus Poschner, der es sich nicht nehmen ließ, diese Idee auch als Dirigent selbst umzusetzen. Wer wusste schon, wie flexibel, gesanglich, tonschön und virtuos ein Kontrabass klingen kann: Aufs beste demonstriert wurde das von Hiroyuki Yamazki, seit 2005 Solokontrabassist der Bremer Philharmoniker. Mit einem Konzert in fis-Moll von Serge Koussevitzky (1902) präsentierte er sein Instrument als einen atmosphärisch dichten und vielseitigen Sänger, was nichts zu tun hat mit irgendeinem „Schrumm-Schrumm“. Dann verzauberten die israelische Flötistin Shiri Sivan – Soloflötistin seit 2011 – und die Schweizerin Nathalie Amstutz – Soloharfenistin seit 2013 – die Hörer mit einem durchsichtig, geradezu elegant gespielten Konzert für Harfe und Orchester von Wolfgang Amadeus Mozart.

Den Abschluss machten die Streicher, aber da reichte nicht ein schön gespieltes Sextett von Peter Tschaikowsky, sondern dessen „Souvenir de Florence“ erklang in einer überdimensionalen Vergrößerung: zehn erste Geigen bis zu vier Kontrabässen – es handelte sich um eine Bearbeitung von Lucas Drew. Nichts dagegen, wenn die gesamte Streichertruppe Klangwallungen und -bäder anbot, die in jedem Augenblick faszinierten. Poschner verstand es, eine außerordentlich emotionale Spannung dieser Liebeserklärung für Florenz zu vermitteln: Perfekte Soli waren zu hören von Anette Behr-König (Konzertmeisterin) und Gonzalo Silva (Cello).

Weiter geht es heute mit den Bläsern (Mozart, Sinfonie concertante KV 297 b), acht Pauken (Johann Carl Christian Fischer, Konzert mit acht obligaten Pauken und Orchester) und einer Uraufführung des Bratschisten Steffen Drabek: „Zeitverschwendung“ für Xylophon und Streichorchester. Morgen kann das ganze Orchester mit Werken glänzen, die ihm alles abverlangen: der 4. Sinfonie von Tschaikowsky und der Suite „Feuervogel“ von Strawinsky.

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