Der Schweizer Regisseur Ruedi Häusermann stellt in Hannover seinen Wilhelm-Busch-Abend vor

Vom Musikzug ins Schauspielhaus gejagt

Von Jörg WoratHANNOVER (Eig. Ber.) · Uraufführung eines Wilhelm-Busch-Abends im Schauspielhaus? Das klingt nach einer gefälligen Angelegenheit. Genau daran ist indes Lars-Ole Walburg, neuer Intendant des Staatsschauspiels, erklärtermaßen nicht interessiert.

Und so hat er Ruedi Häusermann engagiert, um Busch, den schwarzhumorigen Dichter und Zeichner, zu würdigen. Denn der Schweizer Komponist und Regisseur steht für eine ganz eigene Art von Musiktheater – und das wurde „Aber nein! – Noch leben sie!“ dann auch.

Zum Auftakt gibt’s einen Film. Der beginnt vor dem hannoverschen Wilhelm-Busch-Museum, in dessen Tür sich der Namenspatron höchstselbst zeigt. Busch, bekanntermaßen menschenscheu und schon gar nicht auf großen Rummel um die eigene Person erpicht, will sich klammheimlich davon machen. Er hat nicht mit dem uniformierten Musikzug gerechnet, der zunächst hinter den Bäumen der Herrenhäuser Gärten lauert und sich dann an die Fersen der Zielperson heftet. Mit klingendem Spiel wird Busch bis hinein in die Straßenbahn verfolgt. Als nächstes sieht man den Tross am Schauspielhaus halten (genau genommen hätte er für diese Route sogar einmal umsteigen müssen), und was dann passiert, ist zwar absehbar, aber doch amüsant: Gejagter und Jäger halten live Einzug auf der Bühne. Auftakt für einen kuriosen Abend, der – um dies vorwegzunehmen – ein wenig den Anschein erwecken wird, als sei die Probenzeit zu kurz gewesen.

Denn die Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Szenen sind beträchtlich. Pointiertes wechselt mit Konfusem, witzige Passagen mit drögen, originelle Skurrilitäten mit platten Albernheiten. Es wird einfach kein großes Ganzes aus der Sache, selbst wenn der Häusermann-Stil immer wieder durchblitzt. Typisch etwa die Szenen, in denen sich Gruppen von Akteuren zusammensetzen, als seien sie selber Publikum. Typisch auch das eher verhaltene Tempo; als Hinweis mag dienen, dass Häusermann mit Christoph Marthaler zusammengearbeitet hat.

Zu erleben sind die unterschiedlichsten Spielformen. Die Katastrophen des verhinderten Dichters Balduin Bählamm werden mit einem echten Schauspieler und Kulissen in Form der vergrößerten Originalzeichnungen nachgestellt. Bei anderen Geschichten fühlt man sich direkt in ein Bauerntheater versetzt. Es gibt auch mehr oder minder lustige Schatten- und Maskenspiele sowie Live-Zeichnungen auf Projektionsfolien, die zu den missglücktesten, weil diffusesten Momenten des Abends gehören. Max und Moritz treten gleich doppelt auf, einmal in Form eines charmanten Kinder-Pärchens, einmal als deutlich reifere Semester.

Und natürlich ertönt viel Musik, die zuweilen großartig ist. Hier klingt’s nach Renaissance, dort nach gemäßigter Moderne. Der Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Wettbergen stimmt schon mal eine Art Marsch mit Schluckauf an und wird überhaupt zum Star des Abends: Die Musiker veranstalten an diesem einen Abend wahrscheinlich mehr sonderbare Dinge als zuvor in ihrer kompletten Karriere und absolvieren die ungewohnten Übungen ohne jede Peinlichkeit. Was nun auch wiederum Häusermann zu danken ist, der seine Akteure nicht eine Sekunde lang vorführt. Die Publikumsreaktionen spiegeln die Zerrissenheit der Vorstellung wieder: Es gibt ebenso Szenenapplaus wie einige Buhs für das Produktionsteam.

Weitere Vorstellungen: am 25. Oktober um 17 Uhr sowie am 1., 17. und 25. November, jeweils um 19.30 Uhr im Schauspiel Hannover.

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