Johann Mattheson hätte bei einem Duell um ein Haar Georg Friedrich Händel ermordet / Biografie erschienen

Musikkritiker mit fast tödlichen Argumenten

Holger Böning

Von Johannes BruggaierBREMEN · Mit Georg Friedrich Händel lieferte er sich in aller Öffentlichkeit ein Duell, als Domkantor sorgte er dafür, dass Frauen erstmals in der Kirche solistisch singen durften: Johann Mattheson war der Erfinder der Musikkritik und ein herausragender Komponist seiner Zeit.

Heute ist der Reformer des Musikbetriebs weitgehend in Vergessenheit geraten. Der Bremer Historiker Holger Böning hat das Leben und Wirken des Hamburger Künstlers und Publizisten erforscht. Seine Biografie ist jetzt in der edition lumière erschienen.

?Herr Böning, wenn Sie die Zeitung aufschlagen und eine Musikkritik lesen: Denken Sie da an Johann Mattheson?

!Selbstverständlich. Weil Mattheson der erste Publizist war, der es verstanden hat, die breite Öffentlichkeit zu erreichen: nicht einen erlauchten Kreis von Fachleuten, sondern den ganz gewöhnlichen Bürger seiner Stadt Hamburg. Einen funktionierenden Musikbetrieb gab es zwar schon. Dass man diesen aber zu einem Gegenstand der kritischen Berichterstattung erhebt, war neu.

?Welche Auffassungen vertrat denn der Musikkritiker Mattheson?

!Musik erfüllte für ihn immer die Funktion des Gotteslobs. Zugleich sah er in ihr aber auch eine Anleitung zu moralischem Handeln, insbesondere die Oper begriff er als eine Art moralischer Anstalt. Um das zu verstehen, muss man sich seinen Werdegang vor Augen halten. Mattheson gehörte als Schüler des Hamburger Johanneums zum gehobenen Bildungsbürgertum, trat schon als Neunjähriger in eigenen Konzerten auf. Dabei entdeckte ihn der Direktor der Hamburger Oper, wo er bald Partien für Kastratensänger übernahm.

?Für Kastratensänger?

!Kastraten waren seinerzeit die großen Stars der internationalen Musikszene – ihr Auftritt im protestantischen Hamburg aber verboten. Deshalb musste man sich mit Kinderstimmen behelfen. Für Mattheson war das der Beginn einer großen Opernkarriere: Innerhalb von 15 Jahren stand er 2 000 Mal auf der Bühne, verfasste selbst mindestens acht Opern. Aus dieser Erfahrung heraus entwickelte er sein musikalisches Verständnis.

?Was heißt das?

!In der Oper war es selbstverständlich, die unterschiedlichsten Charaktere auftreten zu lassen. In der Kirche dagegen konnte davon keine Rede sein. Mattheson war der erste, der eine Frau in der Kirche singen ließ. Und wie in der Oper, so lag ihm auch in der Kirche an einer moralischen Aussage. Eine Trennung von weltlicher und kirchlicher Musik existierte für ihn im Grunde nicht.

?Bekannt ist Mattheson aber in erster Linie als Kritiker geworden.

!Ja, wobei die Parallele zum Theater dieser Zeit besonders interessant ist. Denn ganz ähnlich wie Schauspieler galten auch Musiker nicht als Teil des bürgerlichen Lebens. Mattheson versuchte das zu ändern, indem er 1722 eine Zeitschrift herausbrachte, die sich kritisch informierend mit Musik befasste. Eine gelehrte Publikation in deutscher Sprache: Das war damals sehr ungewöhnlich.

?Musik, sagen Sie, diente ihm zum Gotteslob. Das sehen andere Forscher anders: Demnach soll er die Musik aus ihrem kirchlichen Kontext gelöst haben.

!Nein, er hat die Musik nicht aus ihrem kirchlichen Kontext gelöst. Ganz im Gegenteil: Musik war für ihn ein Gottesdienst. Allerdings gab es eine ganz natürliche Loslösung der Musik aus der Institution Kirche. Dadurch, dass Mattheson ihr eine moralische Aussage zugestand, verlor die Kirche zwangsläufig ihr alleiniges Recht auf moralische Belehrungen.

?Mattheson war mit Händel befreundet, hat sich mit ihm aber auch ein Duell geliefert. Wie kam es dazu?

!Die beiden lernten sich in jungen Jahren in Hamburg kennen. Einerseits gingen sie gemeinsam viele Projekte an und unterstützten einander, etwa in Fragen der Kompositionstechnik. Andererseits aber entstand bald eine Konkurrenzsituation. Eines Tages kam es zum Eklat, weil Händel seinem Partner mitten in einer Opernvorstellung den Platz am Cembalo verweigerte. Beim Verlassen der Oper revanchierte sich Mattheson mit einer Ohrfeige, Händel zückte den Degen, und es kam zum Duell – mitten auf dem Hamburger Gänsemarkt.

?Ohne ernste Folgen.

!Um den Ausgang dieser Geschichte ranken sich Legenden. Die wahrscheinlichste Version ist, dass Matthesons Degen an einem Metallknopf auf Händels Brust zersprungen ist. Einer anderen zufolge war es eine Partitur, mit der Händel reaktionsschnell den tödlichen Schlag abwehrte. In jedem Fall wäre Georg Friedrich Händel um ein Haar aus der Musikgeschichte radiert worden.

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