David Pountney zeigt Hector Berlioz‘ „Les Troyens“ an der Deutschen Oper Berlin mit Embryokugeln und Edelkitsch

Musikalischer Erfolg und szenisches Desaster

Markus Brück und Petra Lang überzeugten als Chorèbe und mahnende, verzweifelte Kassandra in der Deutschen Oper Berlin.

Von Harry WangerinBERLIN (Eig. Ber.) · Berlioz schuf sein Opus Magnum, das fünfaktige Doppelwerk „Les Troyens“, in den Jahren 1856 bis 1858 und betrat mit seinem Kompositionsstil einen neuen Weg, hin zur durchkomponierten, geschlossenen Form. Das Werk fußt auf der Dichtung der „Aeneis“ des Vergil.

Der erste Teil, „Trojas Untergang“, berichtet von dem verhängnisvollen Geschenk der Griechen an die Troer, die Kassandras Warnungen, das Holzpferd nicht in die Stadt zu holen, in den Wind schlagen und damit Trojas Untergang besiegeln. Die überlebenden Männer fliehen unter der Führung Äneas‘, um in Italien ein neues Reich zu gründen. Die Frauen Trojas begehen, angestiftet von Kassandra, kollektiven Selbstmord.

Der zweite Teil, „Die Trojaner in Karthago“, spielt in der von Dido und dem Volk der Tyrer gegründeten Stadt in Nordafrika, in der Äneas nach langer Irrfahrt mit seinen Truppen landet. Gemeinsam mit den Tyrern siegt er über die einfallenden Kämpfer des Königs Iarbas. Dido und Äneas verlieben sich. Doch die Toten gemahnen Äneas an seine Mission. Er verlässt Karthago. Als Dido den Verlust des Geliebten erkennen muss, wählt sie den Freitod.

Berlioz‘ Opern wurden nach ihrer Entstehung in ihren Einzelteilen aufgeführt (1863 und 1879 in Paris), eine Präsentation des Gesamtwerkes fand allerdings erst 1890 am Hoftheater in Karlsruhe statt. Die letzte Berliner Aufführung dieses den Stil der französischen Grand Opera verlassenden Werkes liegt auch schon achtzig Jahre zurück und so waren die Erwartungen an die Premiere des fünfstündigen Opus‘ am Sonntagabend in der Deutschen Oper hoch gesteckt. Regie führte David Pountney, die Bühne gestaltete Johan Engels. Die Kostüme schuf Marie-Jeanne Lecca, die Choreografie Renato Zanella. Die Chöre studierte William Spaulding ein und in seinem ersten Premierendirigat leitete Generalmusikdirektor Donald Runnicles „sein“ Orchester der Deutschen Oper Berlin.

Musikalisch wurden diese „Trojaner“ zum unbestrittenen Erfolg, szenisch im zweiten Teil zum totalen Desaster. Pountney wollte den Unterschied zwischen dem kriegerischen, männlichen ersten Teil und dem menschlichen, beziehungsbeladenen zweiten Teil, herausarbeiten. Während der erste Teil durch Massenszenen, herabschwebenden gewaltigen hölzernen Pferdeteilen (Kopf und Vorderläufe) und einer metallenen Lagerstatt-Konstruktion sowie adäquaten Kostümen effektvoll gestaltet war, litt der zweite Teil unter bonbonfarbenen Vorhängen, Kissen und Kostümen, bunten Masken und gläsernen Embryokugeln. Hinzu kamen unsäglich choreografierte und leider ebenso getanzte Balletteinlagen, alles purer Edelkitsch. Lediglich das Liebesduett, „Nacht der Trunkenheit“, zwischen Dido und Äneas war interessant in Szene gesetzt, beide schwebten in Metallreifen meterhoch über dem Boden.

Das Regieteam sah sich für den hoffnungslos konservativ inszenierten zweiten Teil einem Buhkonzert ausgesetzt. Der stark beschäftigte Chor bot eine Glanzleistung und das Orchester blühte unter der Leitung Runnicles‘ auf, glänzte in allen Farben. Beide Klangkörper wurden stürmisch bejubelt.

Ebenso gefeiert sahen sich die Solisten. Die mahnende, verzweifelte Kassandra der Petra Lang, der heroische, mit gleißenden Spitzentönen prunkende Ian Storey als Äneas, Béatrice Uria-Monzon als hingebungsvolle, leidenschaftliche Dido. Markus Brück fügte seinen Glanzrollen mit dem Chorèbe eine weitere hinzu und Gregory Warren konnte als Iopas überzeugen. Liane Keegan, an der sich die Kostümbildnerin mit einem Heiterkeit hervorrufenden, grünen Rüschenmantel „vergangen“ hat, war die schönstimmige Anna. Lenus Carlson gab einen überzeugenden König Priamus, während Stephen Bronk den Hector mit seinem interessanten Bassbariton ausstattete. Sämtliche weiteren Rollen waren werkdienlich besetzt und konnten sich den Applaus des Publikums sichern.

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