Musikalische Großtat

„Joseph und seine Brüder“ in der St.-Anna-Kirche in Twistringen

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Mit erstaunlicher Klangfülle und viel Präzision erfüllen der Dekanats-Chor Twistringen und das Hamburger Barockorchester ihre Aufgaben.

Twistringen - Von Wolfgang Denker. Man hört es selten, Händels Oratorium „Joseph and his Brethren“ („Joseph und seine Brüder“). Sogar ziemlich selten. Umso außerordentlicher, dass das Werk nun am Totensonntag in der St.-Anna-Kirche in Twistringen zu hören war, noch dazu in voller Länge. Um solch ein Projekt zu stemmen, braucht es Mut und Begeisterung – und beides gab es in rauen Mengen.

Die biblische Geschichte stammt aus dem ersten Buch Mose. Joseph, der als Kind von seinen Brüdern verkauft wurde, befindet sich Ägypten. Durch seine prophetische Traumdeutung bewahrt er die Ägypter vor einer Hungersnot, heiratet Asenath (die Tochter des Hohen Priesters) und steigt zu höchsten Ehren auf. Als seine Brüder nach Ägypten kommen, um Getreide einzukaufen, erkennen sie Joseph nicht. Der stellt sie auf eine Probe, indem er sie fälschlicherweise des Diebstahls bezichtigt und der jüngste Bruder Benjamin deshalb verhaftet werden soll. Doch die Brüder zeigen sich loyal, nicht zuletzt aus Liebe zu ihrem Vater, der den Verlust Benjamins nicht verkraften würde. Joseph ist gerührt und verzeiht ihnen.

Dem Kantor Johannes Schäfer ist es gelungen, für die Aufführung am Sonntagabend teilweise hochkarätige Solisten und ein erstklassiges Orchester zu gewinnen. Die Titelpartie singt Kai Wessel, der zu den besten derzeitigen Countertenören gehört. Er hat mit Dirigenten wie Philippe Herreweghe, Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonhardt oder Jordi Savall zusammengearbeitet und zahlreiche CDs eingespielt. Ihn in Twistringen erleben zu können, kommt einer Sensation gleich. Seine Stimme ist von außergewöhnlicher Schönheit und Reinheit.

Seine Töne schwebten ätherisch durch den Kirchenraum. Er bezaubert gleich mit seiner Auftrittarie „Be firm, my soul“ und gestaltet Josephs Emotionen von Verzweiflung, Liebe, Zorn und Milde mit feinsten Nuancen. Eine tolle Leistung.

Veronika Winter als Asenath

Ihm zur Seite steht die renommierte Sopranistin Veronika Winter als Asenath, deren glockenreine Stimme sich mühelos in der Höhe entfaltet, deren Koloraturen er brilliant gestaltet und den Kirchenraum mit Wohlklang flutet.

Die einzigen Duette in diesem Werk sind Joseph und Asenath vorbehalten. Beide Stimmen erklingen dabei in perfekter Harmonie. Axel Eichhorn, ebenfalls Countertenor und geschätzter Kirchenmusiker im Bistum Osnabrück, singt den Phanor (Oberdiener des Pharao) und den Hohen Priester. Seine Stimme ist allerdings etwas gewöhnungsbedürftig und neigt zu grellem Klang. Dem Pharao und Josephs Bruder Ruben verleiht Matthias Gerchen aus Hannover mit viel Ausdruck das richtige Profil. Ulrich Cordes setzt für die beiden Brüder Simeon und Juda seinen klaren, mitunter expressiv geführten Tenor rollendeckend ein. Den Bruder Benjamin gibt die aus Twistringen stammende Beate Gehrken mit knabenhaftem Sopran.

Höchste Bewunderung muss man dem Dekanats-Chor Twistringen zollen, der seine Aufgaben mit erstaunlicher Klangfülle und viel Präzision bestens erfüllt. Kantor und Dirigent Johannes Schäfer hat da offensichtlich eine intensive und herausragende Vorarbeit geleistet. Zudem gehören die Chorpassagen zum Besten, was Händel für den „Joseph“ geschrieben hat.

Von hoher Kompetenz erweist sich auch das Hamburger Barockorchester. Die Ouvertüre und die Sinfonia vor dem 3. Akt werden delikat und differenziert musiziert. Prachtvoll mit den schmetternden Trompeten gerät der große Marsch zum Hochzeitszug. Dass Schäfer große Erfahrung mit Chören und Solisten hat, zeigt sich in seiner stets subtilen Begleitung.

Kurt Gerhardt verpasst dem Abend einen Rahmen und erläutert kenntnisreich die im Oratorium nicht abgehandelten, aber zum Verständnis notwendigen Ereignisse zwischen den Akten Dreieinhalb Stunden Händel – sehr lohnend, trotz des erforderlichen Sitzfleisches auf den harten Kirchenbänken.

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