Schwer, den Überblick zu behalten: Gintersdorfer/Klaßen erkunden in Bremen afrikanische und westliche Straßenkultur

Musik ist die Brücke zum Himmel

Show mit Tanz: Szene aus „Not Punk, Pololo“ mit Jesseline Preach. 
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Show mit Tanz: Szene aus „Not Punk, Pololo“ mit Jesseline Preach. 

Bremen - Von Andreas Schnell. Es gibt nach ungefähr zwei Dritteln des rund neunzigminütigen Abends einen Moment, in dem die Inszenierung gleichsam kippt, vom analytischen Bemühen in popkulturelle Praxis:

Während der erste Teil gemäß des bekannten Prinzips Geschichte(n) erzählt, übersetzt, mit Tanz verschneidet, ist die letzte halbe Stunde der Versuch, nicht nur die Barriere zwischen Bühne und Publikum aufzuheben, sondern auch die zwischen Kunst und Rezeption.

Zwar firmieren die Arbeiten der Regisseurin Monika Gintersdorfer und des Künstlers Knut Klaßen in Bremen als Tanztheater, passen allerdings nur notdürftig in diese Sparte. Das Programm fasst „Not Punk, Pololo“, das am Donnerstagabend Premiere feierte, dann auch gleich unter den offeneren Performance-Begriff und fügt den Untertitel „Eine Show von Gintersdorfer/Klaßen“ hinzu.

Und das trifft es eigentlich recht gut. In Anschlag bringen sie dafür einiges: Das Ensemble von „Not Punk, Pololo“ zählt 17 Köpfe, eine bunte Truppe aus Musikern, Tänzern, Performern, Männern und Frauen, Schwarzen, Weißen, einige davon alte Bekannte, einige neu im Kontext, eine bewegliche Bühne auf der Bühne bietet Platz für eine Band mit wechselnder Besetzung. Zusammen sollen sie nichts Geringeres verhandeln als Gemeinsames und Trennendes von ivorischer Straßenkultur, Disco und Punk.

Im gewohnten Gintersdorfer/Klaßen-Sound geht es los: Der Ivorer Gotta Depri erzählt die Geschichte des Pololo, benannt nach einem Gangster aus Elfenbeinküste, Hauke Heumann, wie Depri Stammgast bei Gintersdorfer/Klaßen, übersetzt. Er ist auch dafür zuständig, die Ansichten von Ted Gaier von den Goldenen Zitronen vorzutragen, der zwar anwesend ist, aber damit beschäftigt, kantigen Funk zu spielen. Punk, lässt Gaier Hauke Heumann sagen, sei einerseits ganz ähnlich wie Pololo, andererseits aber auch ganz anders, weil härter, aggressiver.

In dieser Manier folgen noch ein paar weitere Exkurse, zur Geschichte der elektronischen Musik, des modernen Tanztheaters, Genderfragen und ein paar anderen Dingen, strukturiert durch Gruppen-Choreographien und eine eigentümliche Lichtregie, die in regelmäßigen Intervallen grell ins Publikum leuchtet.

Es gibt also eine ganze Menge zu sehen und zu hören. Und es wird immer mehr. Da werden zwei Treppen auf die Bühne gefahren, denen wundersamerweise gleich zweimal größere Teile des Ensembles entsteigen, einmal den aufgeklappten Stufen, ein weiteres Mal senkrecht dazu ausfahrenden Schubladen. Zudem greift vermehrt der Musiker Hans Unstern ins Geschehen ein, zum Beispiel als SKelly ein trauriges Lied mit dylanesken Mundharmonika-Einwürfen singt, uns dann allerdings erklärt, dass er seine Probleme habe mit dieser negativen Musik. Musik sei eine Brücke zum Himmel. Und hämmert auf Unsterns Harfe ein, die jener ungerührt mit Geigenbögen bearbeitet. Übersetzer Heumann ist allerdings der Ansicht, dass gerade negative Musik ihm das Leben gerettet habe – zumindest aber Weihnachten bei den Eltern, Tocotronic hörend, wünschend, das ganze Elend in Flammen aufgehen zu sehen.

Das Unvereinbare zu vereinen, es zumindest per Übersetzung in Berührung zu bringen, auch wenn das Ergebnis eher eine Kollision ist, auch das ist typisch Gintersdorfer/Klaßen, die allerdings mit ihrer neuen Produktion an die Grenzen ihrer Methode zu stoßen scheinen. Hauke Heumann geht zunehmend in der Übersetzung verloren, während hinter ihm eine halbtransparente Wand aus Wellplastik zwischen Publikum und Bühne gezogen wird, die, kaum steht sie, schon wieder geöffnet wird, um dem Publikum den Weg auf die Bühne freizumachen.

Spätestens dort wird es schwer, den Überblick zu behalten, während man um das herumsteht, was spätestens jetzt eher Tanzfläche im Sinne von Dancefloor ist als Bühne. Und das ist vielleicht der Witz dieses Abends – die Unvereinbarkeit von Theater und Pop mit den Mitteln des letzteren am Austragungsort des ersteren in eine Praxis zu übersetzen, die obendrein enorm unterhaltsam ist.

Weitere Vorstellungen: heute und 17. April, jeweils um 20 Uhr sowie am 18. März um 21.30 Uhr.

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