Ein Dichter und seine Stadt 

 Museen Böttcherstraße zeigen „Spurensuche: Rilke in Bremen“

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Bild einer Freundin: „Bildnis Rainer Maria Rilke“ von Paula Modersohn-Becker aus dem Jahr 1906.

Bremen - Von Mareike Bannasch. „Es ist über alle Beschreibung romantisch“ – ein Urteil über Bremen, das sicher nicht jeder Zeitgenosse teilt. Auch nicht im Jahr 1898, als Rainer Maria Rilke seiner Mutter kurz nach seiner Ankunft eine Postkarte schickte. Jene Zeile war aber weit mehr als die Schwärmerei eines Reisenden. Rilke bleibt Bremen in den folgenden Jahren stets eng verbunden und entwickelte sich an der Weser zu einem Autor der Moderne

Wie genau diese Phase im Leben des Dichters aussah, ist aktuell in einer fabelhaften Kabinettausstellung in den Museen Böttcherstraße zu sehen. Denn Rilke hatte eben nicht nur zur Künstlerkolonie Worpswede enge Beziehungen, sondern auch zu Bremen – ein Teil seiner Biografie, dem bislang nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Das soll sich mit „Spurensuche: Rilke in Bremen“ nun ändern. Anhand von zum Teil erstmals veröffentlichten Dokumenten und Kunstwerken blickt Torsten Hoffmann, Vizepräsident der Rilke-Gesellschaft, in sechs Themeninseln, die sich vor allem auf die Jahre 1901 bis 1910 konzentrieren, auf die Beziehung des Autors zu Bremen.

Dabei wird vor allem eines klar: Wie wenig Rilke sich zum treu sorgenden Familienvater eignete – trotz eines zuvor noch nie gezeigten Fotos mit Tochter Ruth und Gattin Clara Westhoff, das ihn mit einem seltenen Lächeln zeigt. Eine Idylle, die nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass sich der Schriftsteller bereits 1903, nur zwei Jahre nachdem er Vater geworden war, sicher war, dass nur das geschriebene Wort und nicht etwa zwischenmenschliche Beziehungen seinem Leben Sinn geben würden. Oder, um es mit seinen Worten in einem Brief an Lou Andreas-Salomé zu sagen: „In einem Gedicht, das mir gelingt, ist viel mehr Wirklichkeit als in jeder Beziehung, die ich fühle [...].“

Angesichts solcher Worte ist es natürlich nicht verwunderlich, dass die Ehe mit Clara Westhoff zum Scheitern verurteilt war – auch wenn er sie als Künstlerin schätzte, wovon auch drei Rilke-Büsten in der Schau Zeugnis ablegen. Zumal die schwierige Beziehung zu Westhoffs Eltern, die ihren Schwiegersohn nur wenig schätzten, die Situation nicht einfacher machte. Eine Scheidung zwischen dem Österreicher Rilke und der Deutschen Westhoff gab es aber trotz beiderseitigen Wunsches nicht – die strengen Wiener Gesetze verhinderten dies.

Rolle in der Welt gesucht

Aber nicht nur einen Blick auf das doppelte Scheitern im Privaten liefert die Schau, sie zeigt auch, wie Rilke nach seiner Rolle in der Welt suchte – und nach Auftraggebern. Nachdem ihn sein Vater lange finanziell unterstützt hatte, war es an der Zeit, auf eigenen Beinen zu stehen. Dabei konnte Rilke auch auf seine Freunde zählen, wie die Ausstellung aufzeigt. So vermittelte ihm Gustav Pauli, Sohn des Bremer Bürgermeisters und späterer Direktor der Kunsthalle, die Möglichkeit, zur Wiederöffnung des Hauses im Jahr 1902 bei einer Inszenierung des Dramas „Schwester Beatrix“ von Maurice Maeterlinck Regie zu führen – zum einzigen Mal in seinem Leben. Dies sollte aber nicht der einzige ästhetische Fußabdruck bleiben, den Rilke in Bremen hinterließ. So wickelte er 1905/06 als Sekretär von Rodin die ersten Rodin-Ankäufe der Kunsthalle ab, die Skulpturen sind auch in der Ausstellung zu sehen. Außerdem hielt er viele Vorträge über internationale Künstler und versuchte sich als Journalist. Er wird nie wieder so viele Artikel und Besprechungen für eine Zeitung schreiben wie für das Bremer Tageblatt.

Eine Schau in Sichtweite des Paula Modersohn-Becker Museums kommt natürlich nicht ohne Bezug zur Malerin aus, zumal sich dieser hier fast von selbst ergibt. So war Rilke bis zu ihrem Tod eng mit Modersohn-Becker befreundet. Eine Verbundenheit, die auch vor privaten Tiefschlägen nicht haltmachte. Allerdings reagierte Rilke auf die Scheidungspläne der Künstlerin nicht mit Ablehnung, ganz im Gegenteil. Er freute sich vielmehr über die Entscheidung, wie eine Postkarte an Modersohn-Becker belegt. Ob dies allein daran lag, dass sie sich nun besser auf die Kunst konzentrieren konnte, lässt sich nicht belegen. Allerdings scheint dies denkbar. Immerhin erwarb er von ihr 1903 das Werk „Säugling mit der Mutter“ – eines der wenigen von der Malerin verkauften Werke.

Die Ausstellung ist bis noch zum 9. Januar in der Böttcherstraße zu sehen.

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