„Amerika“ feiert am Staatsschauspiel Hannover Premiere

Mummenschanz in Übergröße

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Pausenlose Dröhnung: Regisseurin Claudia Bauer setzt auf Überzeichnung. 

Hannover - Von Jörg Worat. „Im Theater interessiert mich nie die psychorealistische Abbildung von Welt“, lässt Regisseurin Claudia Bauer im Programmheft-Interview wissen. Das ist sicher legitim, vielleicht auch nachvollziehbar – aber noch lange kein Grund, aus der Bühnenfassung von Franz Kafkas Romanfragment „Amerika“ im Schauspielhaus einen XXL-Mummenschanz zu machen.

Sicherlich, die Geschichte des 16-jährigen Karl Roßmann, der von den Eltern nach Übersee verfrachtet wird, weil seine Affäre mit einem Dienstmädchen nicht ohne Folgen geblieben ist, kann nicht in einem realistischen Amerika stattfinden, umso weniger, als Kafka selbst nie dort gewesen ist. Die USA waren immer schon ein Projektionsraum und sind es auch heute noch, wenngleich unter veränderten Vorzeichen – es hat ja durchaus einen verqueren Charme, dass die Premiere gerade am Vorabend von Donald Trumps Amtseinführung läuft.

Nichts also soll hier wirklich greifbar sein, wie schon klar wird, bevor das erste Wort gesprochen ist: Bühnenbildner Andreas Auerbach hat dem Boden ein leicht schwindelerregendes Op-Art-Muster verpasst. Und Regisseurin Bauer lässt darauf das ganze Arsenal ablaufen – Männer spielen Frauen, Frauen spielen Männer, alle sprechen überpointiert und verrenken die Gliedmaßen, tragen immer mal wieder Masken oder zahnärztliche Werkzeuge, die den Mund zum Dauerlächeln verzerren. Nebelmaschinen werden von Darstellern bedient, im Mittelpunkt der großen Kotzszene steht offenkundig ein Schlauch. Es gibt jede Menge Live-Videos, und für diejenigen, die immer noch nicht verstanden haben, dass dieses Theater nichts anderes sein soll als Theater, laufen die Umbauarbeiter weithin sichtbar über die Bühne.

Bei einem derart guten Ensemble bleiben natürlich Höhepunkte nicht aus, wenn etwa Frank Wiegard die durchgeknallte Oberköchin gibt, Rainer Frank aus der Wirtin ein gleichsam entrücktes Wesen macht oder Klara Deutschmann als Therese das Kunststück fertig bringt, hastig vor sich hin zu nuscheln und trotzdem jederzeit verständlich zu bleiben. Maximilian Grünewald lässt Karl Roßmann bei seinem unaufhaltsamen Abstieg zwar hinreichend unbedarft erscheinen, hat darüber hinaus aber kaum Entfaltungsmöglichkeiten, weil charakterliche Feinzeichnung hier eben nicht vorgesehen ist.

Gedanken hat man sich dagegen – wie wiederum dem Programmheft zu entnehmen ist – über den Aspekt des Humors bei Kafka gemacht, was einen durchaus interessanten Ansatz darstellt. Noch schöner wäre allerdings gewesen, etwas davon hätte sich dauerhaft in der Inszenierung niedergeschlagen – ständige Überzeichnung aber ermüdet eher und ist darüber hinaus alles andere als originell, erst recht beim Thema Amerika. So entsteht eine zweistündige pausenlose Dauerdröhnung, in der nicht einmal vereinzelte Ekelmomente (die Sängerin Brunelda in ihrem Fatsuit) Tiefenwirkung erzielen. Und Psychorealismus hin oder her, es ist doch recht schön, wenn einem die Figuren nicht irgendwann gänzlich egal werden.

Die nächsten Vorstellungen sind am 27.1. und 9.2. um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Hannover.

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