Wir müssen reden!

Das Duo Gintersdorfer/Klaßen inszeniert „Nathan der Weise“ in Bremen

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Von „Nathan“ zu Hannah Arendt und bis nach Chemnitz zieht sich die Inszenierung von Gintersdorfer/Klaßen am Theater Bremen.

Bremen - Von Rolf Stein. Der Blick wird schon im Einlass von seiner gewohnten Bahn gelenkt. Über die Bühne betritt das Publikum das Kleine Haus, wo in Knut Klaßens sprödem Stahlbalkenverhau mit beweglichen Elementen eine Reihe kleiner Performances arrangiert ist.

Mit der Ansage, Toleranz beginne da, wo es anfängt wehzutun, fordert Hauke Heumann, mittlerweile in Bremen als übersetzender Darstellertänzer in diversen Gintersdorfer/Klaßen-Abenden ein guter Bekannter, als schließlich alle sitzen, dazu auf, ihn mit Schuhen zu bewerfen. Tolerare, das wissen einige noch aus dem Lateinunterricht, bedeutet: ertragen, aushalten, erdulden. 

Es fällt offenbar schwer, aber es werfen dann doch einige ihre Schuhe Richtung Heumann, das schlechte Gewissen mit lauten Seufzern artikulierend. Denn sie sollen in einen Trichter hinein, in dem auch Heumanns Kopf steckt. Man will ja niemandem wehtun. Oder?

Vielleicht muss man ein wenig ausholen. „Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing“ steht derzeit auf den Spielplänen diverser Theater. Was ganz sicher damit zu tun hat, dass nach Modellen für ein interreligiöses Zusammenleben dringend gesucht wird – angesichts eines zunehmend offener auftretenden Rassismus, eines immer mutiger werdenden Antisemitismus, einer vehement antiislamischen Bewegung. Da könnte man vom kanonischen Aufklärer Lessing erwarten, dass er mit seiner berühmten Ringparabel seinen Teil beiträgt.

Mit Werktreue ist es hier nicht weit her

Jene Parabel läuft darauf hinaus, dass Christen wie Juden und Muslime den gleichen Gott anbeten, der keine drei Religionen bevorzugen will und kann. Was im Gegenzug bedeutet, dass die Anhänger der Religionen eben auch nicht ihre über die der anderen stellen sollten. Was, das sagt Lessing nicht, allerdings mit dem Wahrheitsanspruch der Religionen kollidiert.

Wo schon das Entrée allerdings weniger nach Klassikeraufführung aussieht als nach zeitgenössischer Performance-Kunst, da wird es auch nichts mit Werktreue oder Ähnlichem. Wir sind hier schließlich bei Gintersdorfer/Klaßen, die in Bremen zuletzt „Dantons Tod“ nach Büchner um einige essenzielle Kapitel und Sichtweisen ergänzten. 

Mittlerweile dürfte ihr spezieller Ansatz auch in unseren Breitengraden bekannt sein: Diskursiv dekonstruieren sie ihre Stoffe, konfrontieren sie mit Gegenwart und Vergangenheit, mit Sekundärliteratur und was nicht noch. Getanzt wird auch, meist zudem musiziert. Zum Kern der Bühnenmannschaft gehören Franck Edmond Yao und Gotta Depri, die beim Nathan ebenfalls dabei sind, ferner Hauke Heumann als Übersetzer, Ted Gaier (unter anderem von den Goldenen Zitronen) war schon öfter mit an Bord. 

Transparenz bei Entstehung und Persönlichem gehört dazu

Mathieu Svetchine und Irene Kleinschmidt vom Bremer Schauspiel haben im „Danton“ ihre Erfahrungen gemacht, Tucké Royale arbeitet seit 2016 mit Gintersdorfer/Klaßen, mit deren „Botschafter“ war er auch schon einmal in Bremen zu sehen. Karin Ensler sollte eigentlich auch dabei sein – aber wegen Schwangerschaft ... Doch halt, gehört das hierher? Tut es. Heumann erwähnt es im Laufe des Abends, auf der Bühne. Weil es um das Ensemble geht, dessen Zusammensetzung höchst heterogen ist. Aber in Sachen Geschlechterverhältnis ein bisschen einseitig.

Dass die Entstehungsgeschichte dessen, was wir da auf der Bühne sehen, mit sich selbst ins Gespräch kommt und transparent wird, ist Teil des Verfahrens Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen. Dass Bücherberge zu bewältigen sind, die nicht im Hintergrund in die Regiekonzeption eingehen, sondern ausgiebig zitiert werden, ebenfalls. Dass Rollen höchst porös sind, auch.

So geht es dann in etwas mehr als zwei Stunden und ohne Pause von Freud über eine kleine Geschichte des Islam, eine Einführung in die Entstehungsgeschichte des „Nathan“ bis zu Hannah Arendt und Klaus Theweleit, von den Kreuzzügen bis nach Chemnitz. Dass dabei im Rahmen so einer Inszenierung Dinge kaum zu Ende diskutiert werden können, versteht sich von selbst. Der gekappten Referate sind hier schon ganz am Anfang einige. Und das Ende bleibt offen.

Das mag hier und dort auch mal ein wenig redundant sein, und manches weiß der eine oder andere vielleicht bereits. Aber es ist vor allem eine kluge und zugleich kurzweilige Aufforderung zu einem Gespräch, das dringend geführt werden muss.

Weitere Termine: Samstag, 10. sowie 24. Oktober, 20 Uhr, Kleines Haus, Theater Bremen.

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