Am Staatstheater Oldenburg feiert der „Sommernachtstraum“ Premiere

Der Müll, die Stadt, die Liebe

Auf der Mauer auf der Lauer: Oberon (l.) und Puck am Ende der Nacht. - Foto: Stephan Walzl

Oldenburg - Von Rolf Stein. Der erste Hingucker: Das Bühnenbild. Kommt einem irgendwie bekannt vor. Sieht nach Oldenburg aus. Nur dass die Lambertikirche, wie der Rest der Bauten, von der Decke hängt. Der Bühnenboden ist allerdings, anders als vielleicht zu erwarten wäre, nicht der Himmel. Nicht direkt jedenfalls. Hierhin scheint vielmehr der ganze Müll der Stadt herabgeregnet zu sein. Müllsäcke liegen um einen Müllcontainer verstreut. Aber müssten wir nicht eigentlich einen Wald sehen? Es geht hier schließlich um den „Sommernachtstraum“, den Benjamin Britten 1960 nah an der Vorlage in eine Oper verwandelt hat. Britten mit Öko-Botschaft etwa?

Eher nicht. Tom Ryser (Regie) und Stefan Rieckhoff (Austattung) meinen offenbar die Stadt als Bild der bürgerlichen Gesellschaft, die im Rausch der Nacht kopfsteht. Die andere Seite des Tages, die Nacht liegt deswegen hier der bürgerlichen Tagesordnung gegenüber. Hier liegtOberons Feenreich, in dem sich wundersame Szenen abspielen. Die Feenkönigin treibt es mit einem in einen Esel verwandelten Handwerkers im Müllcontainer, bekanntlich, weil ihr Göttergatte ihr durch seinen Narren Puck einen Zaubertrank verabreicht hat. Und auch sonst, wir erinnern uns, lässt Shakespeare in dieser Geschichte nichts, wie es einmal war. Helena, die vergeblich Demetrius nachstellt, der in Hermia verliebt ist, die aber Lysander zu lieben meint – sie alle werden, nachdem sie erst einmal die Hosen runterlassen mussten, eines Besseren belehrt, dank Oberons und Pucks perfidem Spiel. Der erotische Überschuss der Gesellschaft entfaltet sich.

Und dann gibt es im „Sommernachtstraum“ die Abteilung, die eigentlich die Ordnung wiederherstellen soll: Die berühmten Handwerker, die zu Ehren des Herzogs von Athen – also: Oldenburg – ein Theaterstück einstudieren, üben in Rysers Inszenierung den Beruf des Müllwerkers aus. Dass sie auf diesem Weg allerdings für Ordnung sorgen würden, ist nicht eben festzustellen. Sie sind nämlich nicht nur ungeschickt, sondern auch machtlos gegen den herannahenden Tag, an dem die Stadt vom Kopf auf die Füße gestellt wird, Oberons Reich verblasst, die weltliche Autorität übernimmt, die hier in Gestalt von Herzog Theseus eigentlich ziemlich fiese Züge hat: Hippolyta, Königin der Amazonen und seine Ehefrau in spe, wirkt, als hätte sie nicht viel von dieser Verbindung zu erwarten. Und auch die anderen beiden Paarungen der Dreifachhochzeit haben nach den Ereignissen der vergangenen Nacht an romantischem Glanz eingebüßt.

Benjamin Brittens maßvoll moderne, zwischen komödiantischer Zuspitzung, Zitaten klassischer Oper und fragiler Klangmalerei angelegte Musik ist bei den Musikern des Oldenburgischen Staatsorchesters unter Vito Cristófaro in recht guten Händen. Und auch gesanglich halten die Künstler das aus Oldenburg gewohnte Niveau.

Vor allem Countertenor Leandro Marziotte als Oberon, Phillip Kapeller als Lysander sowie Valda Wilson und Hagar Sharvit als Helena respektive Hermia sind gesanglich und darstellerisch allzeit auf der Höhe des Geschehens. Alexandra Scherrman als Titania brauchte bei der Premiere allerdings ein bisschen, um warm zu werden. Yiulia Sokolik ist als Hippolyta deutlich unterfordert, die Handwerker – Tomasz Wija, Ill-Hoon Choung, Mark Murphy, Henry Kiichli, Alexander Murashov und Aarne Pelkonen – sind ein stimmlich gut einstudiertes Ensemble. Und David Bennent glänzt als höchst agiler Puck.

Für den Chor, einstudiert von Thomas Honickel, ist der hauseigene Kinder- und Jugendchor „KlangHelden“ von der Partie, der klanglich wie optisch, mit senkrecht zu Berge stehenden Haaren (weil ja alles über Kopf steht) durchaus etwas hermacht. Ungetrübt ist die Freude aber nicht. Die ersten beiden Akte kamen zumindest bei der Premiere szenisch etwas zäh daher, richtig in Fahrt kam der optisch höchst reizvolle Abend erst nach der Pause.

Die nächsten Vorstellungen: Mittwoch, 13. April; Samstag, 30. April; Dienstag, 24. Mai, 19.30 Uhr, Staatstheater Oldenburg.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Karpfen werden umgesiedelt

Karpfen werden umgesiedelt

Impressionen vom Bremer Freimarkt 2021

Impressionen vom Bremer Freimarkt 2021

Dampftag im Kreismuseum

Dampftag im Kreismuseum

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Meistgelesene Artikel

Eklig, aber beliebt

Eklig, aber beliebt

Eklig, aber beliebt
Die soften Songs der harten Jungs

Die soften Songs der harten Jungs

Die soften Songs der harten Jungs
Der Rock des Barock

Der Rock des Barock

Der Rock des Barock
Albtraum mit Puppen und Teufel

Albtraum mit Puppen und Teufel

Albtraum mit Puppen und Teufel

Kommentare