Mozarts „Le Nozze di Figaro“ in der Staatsoper Hamburg

Optisch ein Vergnügen – bis zur letzten Partiturseite

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Nicht nur auf der Bühne, auch auf den Kostümen setzt Stefan Herheims Hamburger Inszenierung Mozart und seinen Kompositionen ein Denkmal.

Hamburg - Von Markus Wilks. Beifall während der Ouvertüre und lautstarke Zustimmung am Ende: Der neue „Figaro“ an der Staatsoper Hamburg kam beim Publikum an. Man feierte eine wunderschön anzusehende, kreative Bühnenlösung, der allerdings der Biss einer großen Mozart-Inszenierung fehlte.

Im deutschen Sprachraum gilt Stefan Herheim als einer der wichtigsten und erfolgreichsten Regisseure, weil er es zumeist versteht, Opern auf einem hohen intellektuellen Niveau zu hinterfragen und seine interessanten Ergebnisse in eine große Bühnenshow mit tollen Sängerdarstellern zu übersetzen. Das war nicht nur bei seinen Wagner-Produktionen etwa in Bayreuth und Salzburg so, sondern auch zuletzt bei den Bregenzer Festspielen mit „Hoffmanns Erzählungen“.

Mit seinem späten Debüt an der Staatsoper Hamburg kehrte Herheim nun zu seinen Wurzeln zurück. In Hamburg hat der gebürtige Norweger Musiktheaterregie studiert und sich dabei zunächst an Mozart versucht; auch seine erste „offizielle“ Opernproduktion galt diesem Komponisten („Die Zauberflöte“ 1999 in Oldenburg). Nun also „Le Nozze di Figaro“ als Starregisseur in Hamburg.

Stefan Herheims bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Inszenierung ist eine Liebeserklärung an Mozarts Meisterwerk. Während der Ouvertüre kann man auf dem Bühnenvorhang parallel zur Musik das Autograf des „Figaro“ mitlesen (also Mozarts Handschrift). Dann jedoch verwandeln sich die vielen kleinen Noten in Figuren und schließlich auf eine höchst charmante Weise in Spermien, die das eigentliche Motto der Oper verdeutlichen – Szenenbeifall.

Die komplette Bühne (ein sich perspektivisch verengender Raum) ist mit Mozarts Notenblättern dekoriert, ja sogar die großartigen Kostüme sind mit „Figaro“-Noten bedruckt worden. Im Laufe der Verwicklungen fallen immer mehr der Notenblätter von den Wänden, bis ein Gerüst aus metallischen Notensystemen übrigbleibt und die Sänger umschließt.

In diesem „sinnlichen Klangkäfig, in dem die Partiturblätter eine Notenlaube zwischen morgendlich heller Sonne zu Anfang der Oper bis zum dunklen Zwielicht der Sommernacht konstituieren“ (Staatsoper Hamburg), lässt Stefan Herheim die Handlung überraschend linear ablaufen. Er gestattet nur in wenigen Momenten die sonst von ihm gewohnten Einblicke hinter die Kulissen der Figuren. Diese zeigen Züge realer Menschen, bleiben insgesamt aber (auch bedingt durch die historisch anmutenden Notenkostüme) eher Commedia-Typen, denen oft der „Biss“ fehlt. Stefan Herheim und sein Team um Christof Hetzer (Bühne) und Gesine Völlm (Kostüme) begeistern eher mit einer hinreißenden Bühnen- und Kostümlösung als mit einer brillanten Analyse, die über das Genießen hinausgeht. Quasi als Ergänzung zur dargebotenen optischen Opernkulinarik ließ Ottavio Dantone die vorzüglich spielenden Hamburger Philharmoniker in schönen, präzise ausgeformten Klängen baden. Dass er als Experte für „Alte Musik“ (wir kennen ihn als Stammgast des Musikfestes Bremen) nicht die Partitur mit „jugendlicher Frische“ aufgewirbelt, sondern bei einem eher ruhigen Grundtempo vielmehr klangliche Delikatessen aufgespürt hat, überraschte. Und auch die Sänger überzeugten vor allem durch Spielfreude, den sicheren Umgang mit den Noten und ihren kultiviertem Gesang, als dass sie ausgefeilte Charaktere waren.

Wenn beispielsweise Christina Gansch in ihren wenigen Sätzen als Barbarina mehr Persönlichkeit auf die Bühne bringt als die Protagonistinnen, ist das szenische Gleichgewicht verschoben. Katerina Tretyakova (Susanna) agierte durchaus quirlig und sang mit leuchtendem Sopran, aber auch geringer Textverständlichkeit. Iulia Maria Dan machte am meisten mit ihrer Stimme, doch die Größe und klangliche Süße, die Mozarts Gräfin haben sollte, besitzt sie noch nicht. Für das Gelingen der Verwicklungen und Maskeraden war es freilich von Vorteil, dass beide Sängerinnen junge, attraktive Frauen unter 30 sind. Mit einem wunderschönen Mezzo ließ Dorottya Láng als Cherubino aufhorchen, doch fehlte es ihr an stimmlichem Feuer und Intensität, was sicherlich auch am Dirigenten lag.

Wilhelm Schwinghammer (Figaro) und Kartal Karagedik (Graf) überzeugten beide mit Spielfreude und kultiviertem Gesang, verfügen aber (noch) nicht über die Persönlichkeit und Ausdruckstiefe großer Rollenvorgänger. Aus dem übrigen Ensemble soll neben der agilen Katja Pieweck (Marcellina) noch der grundsolide Bartolo von Tigran Martirossian erwähnt werden, dessen Bass oft wie ein zweiter Figaro klang. Fast überall Jubel seitens des Premierenpublikums.

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