Alina Pogostkina interpretiert mit der Deutschen Kammerphilharmonie Mozarts drittes Violinkonzert

Mozart ohne Sentimentalitäten

Geige als Gegenstand: In Bremen pflegte Alina Pogostkina einen sehr materiellen Zugang zu ihrem Instrument. ·
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Geige als Gegenstand: In Bremen pflegte Alina Pogostkina einen sehr materiellen Zugang zu ihrem Instrument. ·

Bremen - Von Tim Schomacker. Der ersten Symphonie von Johannes Brahms haftet so etwas wie Niemandsland an. Nicht frei von Vorbild (und vielleicht auch Bürde) der Gattungstradition im 19. Jahrhundert – am deutlichsten spürbar in der eingewobenen Sentenz aus dem Schlusssatz von Beethoven Neunter –, sucht das Orchesterstück nach einer Eigenständigkeit durchaus im Rückblick.

Derweil Wagner und Bruckner zu monumentaler Klangfarbigkeit sich wenden. Doch weist, wie der beinahe robuste Zugriff der Kammerphilharmonie unter Leitung Paavo Järvis in der Bremer Glocke zeigte, Brahms in manchen Momenten auch voraus. Denn dieser Symphonie wohnt etwas Disparates inne, ein Aufeinanderprallen verschiedener Elemente, wie es in Kürze Gustav Mahler oder – noch eigenwilliger, bärbeißiger – Jean Sibelius schreiben sollten.

Brahms‘ symphonisches Debüt bildete den Abschluss eines dreiteiligen Konzerts, das den Bogen schlägt von Mozarts Violinkonzert Nr. 3 über Robert Schumanns schwer romantische „Manfred“-Dichtung bis eben hierhin. Paavo Järvi müht sich redlich, diesen Brahms (wieder) interessant zu machen. Bei ihm kostet die Kammerphilharmonie ausgedehnte Pizzicato-Passagen aus, verwandelt Folgen von Einsätzen der einzelnen Streicherabteilungen in – eigentümlicherweise (wenn auch von weitem nur) beinahe an Jazz erinnernde – synkopische Rhythmusfiguren, holt an Dynamik vor allem in Pausen und bruchhaften Übergängen einiges heraus. Wobei die Art und Weise, wie die solistischen oder kleingruppierten Bläser sich zugleich elegant und scharf konturiert aus den Streichern heraus und wieder auf diese zu bewegen, interpretatorisch fast interessanter ist als mit Blick auf das Stück selbst.

An die – gerade rhythmische – Lebendigkeit des dritten Violinkonzerts von Mozart reicht das aber nicht heran. Mit der russischstämmigen Berlinerin Alina Pogostkina hat die Kammerphilharmonie eine Solistin verpflichtet, die einen sehr materiellen Zugang zu ihrem Instrument pflegt. Das tut den musiktheatralischen Dialogen zwischen Soloinstrument um Orchester im ersten Satz ebenso gut wie den nahezu ländlerartigen melodischen Figuren. Mit ihrer schroffen Interpretation gelingt Pogostkina ein Mozart, dessen Soloinstrument physisch spürbar und in gewisser Weise zurückgebunden wird an seiner volksmusikalischen Vor- und Frühgeschichte. Passend dazu ihre Vorliebe für Doppelgriffe in den Kadenzen, die so wiederum die orchestrale Dimension des Soloinstruments hervorkehren. Und die spielerische „Fremdheit“ während des gemeinsamen Spiels (gerade in den zahlreichen melodischen Echos zu hören) auszubalancieren. Der gerade in den vertrackten Schachtelungen klare Gestus von Järvis Lesart verwebt sich mit Pogostkinas unsentimentalem Spiel, das von hoher Dynamik geprägt ist – gepaart mit einer tänzerischen Durchsichtigkeit.

Sentiment und Herzensangelegenheiten waren an diesem Abend dem Eröffnungsstück vorbehalten. Mit der „Manfred“-Ouvertüre op. 115 wendet sich Robert Schumann musikalisch einem dramatischen Gedicht des Ko-Romantikers Lord Byron zu. Hier präsentieren Orchester und Dirigent die Arbeit an ihrem symphonischen Schumann-Zyklus gleichsam im Kern. Das kurze wie konzentrierte Orchesterstück wird luzide vor allem auf seine räumlichen, architektonischen Dimensionen gelesen. Was zugleich dem mithörenden musikalischen Verstehen entgegen kommt und die musikalischen Entsprechungen des romantischen Weltbaumeistertums in den Vordergrund rückt. Hier ist es die beherzte dynamische Organisation des Klangkörpers, die gerade die überraschenden leisen und halbleisen Passagen gegen Ende ins akustische Rampenlicht rückt.

Bremische Begeisterung haben sich die Kammerphilharmoniker hörbar erarbeitet. Vielleicht eine gute Ausgangsposition, in der dramaturgischen Programmkomposition wieder deutlicher den Blick auch ins 20. Jahrhundert zu richten. Gerade die Brahms-Symphonie aus diesem Blickwinkel zu präsentieren, wäre ein lohnendes Unterfangen gewesen. So bleibt es bei einem souveränen Abonnementkonzert.

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