Jean Paul wäre heute 250 Jahre alt geworden: Zwei Bücher erinnern an den Begründer des modernen Romans

Aus dem Mond gefallen

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Heinrich Pfenninger: Jean Paul Friedrich Richter (1798).

Syke - Von Johannes BruggaierDie Kirchturmuhr stand auf „Ewigkeit“, als die auferstandenen Toten ihren Heiland um Erbarmen anflehten. „Christus!“ riefen sie: „Ist kein Gott?“ Der Messias, diese „hohe, edle Gestalt“, öffnete den Mund und sprach: „Es ist keiner.“ Durch die Welten sei er gegangen, durch die Sonnen gestiegen, mit der Milchstraße geflogen. Und habe ihn nirgends gefunden: Gott, seinen Vater – Vater von Jesus Christus. Auch in den Abgrund habe er geblickt und gerufen: „Vater, wo bist du?“ Die Antwort war nichts als der „ewige Sturm, den niemand regiert“.

Jesus Christus als Prophet des Nihilismus, seine letzte Predigt als Absage an jede Hoffnung auf Erlösung: Was für eine kühne, aberwitzige Vision!

Man meint darin Friedrich Nietzsche zu vernehmen. Doch es ist nicht Nietzsche. „Die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ datiert auf ein weitaus älteres Datum: Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie publiziert, als Teil des Romans „Siebenkäs“, verfasst von einem Autor namens Johann Paul Friedrich Richter – bekannt als „Jean Paul“. Heute jährt sich sein Geburtstag zum 250. Mal. Der Hanser Verlag hat zu diesem Anlass eine Biografie sowie eine Sammlung von Briefen Jean Pauls herausgegeben.

Es ist die Würdigung eines seltsamen Klassikers: Seltsam, weil jeder ihn kennt, doch kaum jemand seine Werke lesen mag. Weil seine Prosa so modern ist und doch so sperrig. Und weil es so schwer fällt, sie einzuordnen in eine Epoche, einen Stil oder auch nur eine weltanschauliche Richtung.

Biograf Helmut Pfotenhauer versucht es mit einer konsequenten Deutung dieses Autors als schreibender Schöpfer. Das Leben des Jean Paul ist für ihn die Geschichte eines streng protestantisch erzogenen Pfarrersohns, der in einer Zeit schwindender Gewissheiten um geistige Orientierung ringt. Im Schreiben erschafft sich das verunsicherte Individuum sein eigenes Universum, seine eigene Zukunft, ja sogar die eigene Unsterblichkeit. Jean Pauls Dichtkunst: Sie ist ein beständiges Anschreiben gegen den Tod.

Das beginnt bereits in der Kindheit, mit dieser bitteren Armut, die auf den Jungen wie „eine geistige Sahara“ (Pfotenhauer) wirkt. Wie ein Dürstender in der Wüste lechzt der junge Johann Paul Richter nach Büchern. Und: nach Buchstaben.

Richter kreiert neue Sprachzeichen, Formeln aus der Geometrie und Chemie, setzt sie zu eigenen Alphabeten zusammen und lernt diese auswendig. Der später so vielfach offenbarte Drang, Sprache eigenen Regeln zu unterwerfen, bricht sich bereits in diesen jungen Jahren Bahn. Und auch der religiöse Skeptizismus ist bereits früh angelegt: als Abwehr einer vom Vater eingeimpften Geisterscheu.

Den Impuls zu seiner humoristischen Wahrnehmung von Leben und Welt findet der junge Richter in der Literatur von Materialisten wie Claude Adrien Helvétius. Vermeintlich große, erhabene Entwürfe erweisen sich darin als Produkt nichtiger Ereignisse.

Die Sittenstrenge des Nicolas Boileau etwa: Laut Helvétius war sie nichts weiter als die Folge eines Truthahn-Angriffs in dessen früher Kindheit. Auf eine „delikate Stelle“, die fortan nicht mehr ihre volle Funktionstüchtigkeit erlangen sollte: „von daher sein Spott über die Frauen.“ Wenn sich Jean Paul später auch von Helvétius distanzieren sollte, so ist hier doch unverkennbar das Fundament zu seinem satirischen Stil gelegt worden.

Es ist die Einsicht, dass erst in der Reibung von Großem und Kleinem Witz entsteht. Und dass sich erst in diesem Witz eine Wahrheit offenbart. Als Privatlehrer im oberfränkischen Schwarzenbach unterrichtet er die Kinder deshalb im Verfassen von pointierten Sinnsprüchen. Mit zum Teil erstaunlichen Ergebnissen. „Wo die giftigsten Thiere sind, da sind die besten Arzeneien“, lautet etwa die originelle Schlussfolgerung einer neunjährigen Schülerin: Zeugnis einer bemerkenswert fortschrittlichen Pädagogik.

In Weimar kann Jean Paul damit freilich nicht punkten. Goethe erhält von ihm den viel beachteten „Hesperus“-Roman, dazu einen Brief mit bis zur Unkenntlichkeit verklausulierten Anspielungen und Metaphern. Befremdet von dem – aus seiner Sicht – ästhetischen Chaos reicht Goethe das Exemplar an Schiller weiter. „Hierbei ein Tragelaph von der ersten Sorte“, lautet sein trockener Kommentar. Wobei unter „Tragelaph“ ein skurriler Bockshirsch der antiken Mythologie zu verstehen ist.

Welten trennen die einer klassizistischen Regelpoetik verhafteten Freunde Goethe und Schiller einerseits vom neuen Publikumsliebling Jean Paul andererseits. Romane voller Fußnoten, Einschübe, Vorausblenden und nicht zuletzt skurriler Titel: Für Schiller mutet dieser Autor an wie „einer, der aus dem Mond gefallen ist: voll guten Willens und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ, womit man sieht“. Dass sich gerade darin der Vorbote einer neuen Ästhetik zeigt, ein Erneurer des deutschen Romans, mag sich weder Schiller noch Goethe vorstellen. Letzterer wird Jean Paul eine Antwort auf den Brief verweigern.

Als kontaktfreudiger erweisen sich für Jean Paul diverse Brieffreundinnen, die ihm als Vorlagen für Romanfiguren dienen. Gegenüber Charlotte von Kalb schwelgt er von der „weiblichen Wirklichkeit“, die des „magischen Mondlichts der Dichtkunst“ bedürfe. Vom „Regenbogen“ ist die Rede, den er über ihren „regnerischen Morgen“ ziehen wolle: alles schwelgende, schwärmende Worte, die der armen Charlotte unberechtigte Hoffnungen auf ein gemeinsames Liebesglück machen. Am Ende bleibt bloß die Inspiration zu einer neuen Figur – wie so oft in Jean Pauls Brieffreundschaften.

Diese Inspiration taugt zur empfindsamen und humoristischen Auseinandersetzung mit dem Menschen; mit seinen Hoffnungen und seinem Scheitern. Mehr als das, etwa eine aufklärerische Intention wie bei Schiller oder eine Erforschung des Unbewussten wie bei E.T.A. Hoffmann, lässt sich schwerlich erkennen. Jean Paul ist dafür ein zu musikalischer Autor, einer, der seine gewaltigen Sprachlandschaften mehr der Intuition verdankt als einem Konzept. Vielleicht auch deshalb sind seine Werke so eng an das ästhetische Empfinden seiner Zeit gebunden.

Es werde eine Zeit kommen, sagte Ludwig Börne kurz nach Jean Pauls Tod im Jahr 1825, da werde Jean Paul von „allen beweint“. Dann stehe er geduldig „an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme“. Mit Blick auf die heutigen Verkaufszahlen von „Siebenkäs“ oder „Titan“ muss diese Prophezeiung als Fehleinschätzung gelten. Jean Paul selbst war dies in seinen späten Jahren wohl bewusst, wie manchen pessimistischen Briefen zu entnehmen ist. Seine größte Hoffnung aber, wenn schon nicht Werke für die Ewigkeit, so doch den Impuls für eine neue Literatur zu hinterlassen: Diese Hoffnung hat sich erfüllt.

Helmut Pfotenhauer: „Jean Paul – Das Leben als Schreiben“, Carl Hanser Verlag: München 2013; 512 Seiten; 27,90 Euro.

„Jean Paul – Erschriebene Unendlichkeit“, ausgewählte Briefe, Carl Hanser Verlag: München 2013; 784 Seiten; 34,90 Euro.

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