Mörderisches Terrain

Vor 50 Jahren feierte ein Klassiker des Ostfriesland-Krimis Premiere

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„Tamara“ nach dem Roman von Hansjörg Martin war einer der ersten deutschen Krimis moderner Prägung überhaupt.

Norden - Von Werner Jürgens. Vom „Ostfriesenkiller“ bis zur Serie „Friesland“ – im Krimi-Genre erlebt der Nordwesten der Republik momentan auf dem Buchmarkt und im Fernsehen eine Renaissance. Tatsächlich hat das eine lange Tradition: Vor 50 Jahren, am 25. Januar 1968, feierte der in Norden, Norddeich und auf Norderney gedrehte Kinofilm „Tamara“ seine Leinwandpremiere.

Gegen Ende desselben Jahres folgte die Erstausstrahlung der im Auftrag des NDR ebenfalls auf Norderney realisierten TV-Produktion „Einer fehlt beim Kurkonzert“. Den Stoff zu beiden Streifen lieferte Hansjörg Martin, der nicht von ungefähr als Schöpfer des modernen deutschen Kriminalromans gilt.

„Der Siegeszug des modernen deutschen Krimis begann in Ostfriesland“, behauptet Klaus-Peter Wolf. Der gebürtige Gelsenkirchener, der heute in Norden lebt, muss es wissen. Immerhin rangieren seine Romane um die Auricher Kommissarin Ann-Kathrin Klaasen regelmäßig ganz oben in den Bestsellerlisten. 

Durchbruch mit „Gefährliche Neugier“

Angefangen hat besagter Siegeszug laut Wolf mit dem eingangs erwähnten Hansjörg Martin, der nach dem Zweiten Weltkrieg gleichfalls an der Nordseeküste eine zweite Heimat fand. Dort hielt sich der 1920 in Leipzig geborene Grafiker zunächst mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bis ihm 1965 mit „Gefährliche Neugier“ der Durchbruch als Krimi-Autor gelang. Die Story um einen Hobby-Detektiv, der Mitglied einer Wanderbühne ist und dem Mord an einem Kollegen auf den Grund geht, spielt in Ostfriesland. 

Für deutsche Verhältnisse war dieser Schritt eine kleine Revolution. Fand doch die fiktionale Verbrecherjagd bis dahin meistens im Ausland statt. Selbst die Handlungen hiesiger Film- und Fernsehproduktionen waren oft im Umfeld von Scotland Yard oder dem FBI angesiedelt. Einer der auflagenstärksten deutschsprachigen Groschenroman-Helden hörte bezeichnenderweise auf den Namen Jerry Cotton. „Krimis spielten in London oder den USA“, bestätigt Wolf. „Ermittelt wurde in den Häuserschluchten von New York, nicht in Deutschland – und schon gar nicht in Ostfriesland.“

Werbefachmann auf Spurensuche

Grundlage für „Tamara“ war Hansjörg Martins zweiter Kriminalroman „Kein Schnaps für Tamara“, der 1966 bei Rowohlt erschien. Dessen Protagonist ist der Werbefachmann Hans Obuch, der auf der Rückfahrt von Norden nach Hamburg in einem Zugabteil eine tote Frau findet. Dass es Selbstmord war, wie der eiligst herbei gerufene Arzt attestiert, mag der Entdecker der Leiche nicht recht glauben. 

Als er auf eigene Faust das Schicksal der Verblichenen ergründen will, führt ihn die Spur zur Familie des Verlobten. Der gehört die örtliche Schnapsfabrik. Entsprechend weitreichend ist der Einfluss des Firmenpatriarchen, dem Obuch bald lästig wird. Daher tut er alles, um dessen Aufklärungsversuche zu behindern. Zur illustren Besetzungsliste gehörten seinerzeit Wolfgang Preiss, Rolf Zacher, Barbara Rütting und Hansjörg Martin in einer Nebenrolle sowie jede Menge einheimische Ostfriesen, die als Statisten mitwirken durften.

Darstellerin von eifersüchtigem Ehemann erschossen

Ähnliches geschah bei der Verfilmung von Hansjörg Martins drittem Krimi „Einer fehlt beim Kurkonzert“, für dessen fiktive Insel Langeney Norderney die Kulisse bildete. Ausgangspunkt der Geschichte ist ein erstochener Playboy, der zufälligerweise in derselben Pension weilte wie ein Kommissar, der prompt Ermittlungen einleitet. Insgesamt sieht er sich mit sieben Verdächtigen konfrontiert, darunter die Geliebte des Opfers, die von Lale Andersen verkörpert wurde. Eine ihrer Kolleginnen sollte die Erstausstrahlung von „Einer fehlt beim Kurkonzert“ nicht mehr miterleben. 

Anfang Dezember wurde die seinerzeit 20-jährige aus Prag stammende Jana Novaková von ihrem eifersüchtigen Ehemann mit vier Schüssen niedergestreckt. Angeblich hatte sie auf Norderney eine Affäre mit einem Studenten, weshalb der rund vierzig Jahre ältere Gatte schon die Dreharbeiten ständig gestört haben soll. Der Täter richtete sich anschließend selbst.

Nordwesten als mörderisches Terrain

Last but not least wurde auch Hansjörg Martins Erstlingskrimi „Gefährliche Neugier“ verfilmt. Dessen TV-Premiere fand am 8. Februar 1970 statt. Ein Bezug zu Ostfriesland war darin jedoch kaum noch auszumachen. Gleiches galt für die Drehbücher, die Martin in den nächsten Jahren unter anderem für die Reihe „Tatort“ verfassen sollte und eine ZDF-Verfilmung mit dem Titel „Nerze nachts am Straßenrand“ von 1973. Lediglich in der TV-Produktion „Bei Westwind hört man keinen Schuss“ spielte die Handlung 1976 noch einmal auf einer fiktiven ostfriesischen Insel.

Inzwischen hat sich der Nordwesten der Republik spätestens mit Klaus-Peter Wolfs Kommissarin Ann-Kathrin Klaaßen wieder fest als buchstäblich mörderisches Terrain etabliert. Im vergangenen Jahr erlebte seine Protagonistin folgerichtig ihr längst überfälliges Fernsehdebüt im ZDF. Außerdem erscheint in wenigen Monaten mit „Ostfriesenfluch“ ihr nunmehr zwölfter Fall als Buch.

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