Sibylle Bergs „Mein ziemlich seltsamer Freund Walter“ in Oldenburg

Modernes Märchen macht Mut

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Eine schicksalhafte Begegnung: Rebecca Seidel und Klaas Schramm in „Mein ziemlich seltsamer Freund Walter“.

Oldenburg - Von Corinna Laubach. Lisa leidet. Die Eltern arbeitslos, die Wohnung verwahrlost, auf dem Schulweg wird sie gemobbt, in der Klasse ist die Achtjährige allein. Dabei ist sie keineswegs anders oder weniger liebenswürdig als andere Kinder. Das Mädchen hat schlichtweg Pech gehabt.

Seit einem Jahr steht ihre kleine Welt Kopf, die Zeit, „als wir eine normale und glückliche Familie waren“, kann sie nicht erinnern. Zu viel ist passiert. Jetzt vegetieren die Eltern (Johannes Schumacher und Franziska Werner) in amorpher Masse mit dem Sofa vor sich hin, trinken Wein, hören furchtbare Musik und scheinen nicht mehr von dieser Welt.

Morgens schaut Lisa nach, ob die Eltern noch atmen. Dabei braucht das Mädchen (Rebecca Seidel) sie ebenso dringend wie eine feste Umarmung. Um alles kümmert sie sich alleine: das Aufstehen, die Wäsche, den Einkauf, die Rechnungen. Eine zu große Bürde für ein kleines Mädchen, dass doch trotzig betont „fast neun“ zu sein. Jedenfalls zu klein, um erwachsen zu tun.

Sie träumt in ihrer weltraumartigen Schlafkugel von fernen Galaxien (Bühne und Kostüme: Georg & Paul). Und einem echten Freund. Lisa ist sich sicher, dass da irgendwo noch Leben ist. Und tatsächlich taucht Hilfe aus dem All auf: Walter (Klaas Schramm), der eigentlich einen furchtbar unaussprechlichen Namen hat, landet hinterm Haus. Die Pauschalreise zur Erde läuft für ihn nicht planmäßig. Zwischen Erdspaziergang, zwei Ausflügen und Übernachtung hat der Kauz im Frotteeanzug den Anschluss an die Gruppe verloren und trifft auf Lisa. Eine wahrlich schicksalhafte Begegnung.

Walter sagt Sätze wie: „Bei uns kümmern sich die Großen um die Kleinen“, oder: „Jammern dürfen nur die Kinder, die Erwachsenen nicht.“ Überhaupt lässt er durchblicken, dass die Erde bei seiner Rundreise zu zehn Planeten nicht gerade der auserwählte Lieblingsplatz ist. Zu kalt, zu materiell, zu einsam ist ihm hier alles. Zu Hause, da ist es golden und warm. Und Kuscheln ist seine Lieblingsbeschäftigung.

Begleitung zu Angstorten

Walter nimmt Lisa ernst, hört ihr zu und begleitet sie an die Angstorte ihres Lebens: das heimische Wohnzimmer, der Spielplatz mit den Rüpel-Rappern (ebenfalls Schumacher und Werner mit grandioser Mimik) und die Mülltonne, in die sie allmorgendlich gestopft wird, das Klassenzimmer, in dem niemand mit Lisa sitzen will.

Ihr (unsichtbarer) außerirdischer Freund lehrt sie Kung Fu, verleiht ihr neues Selbstbewusstsein und bringt vor allem Glück, Wärme und Liebe zurück ins Kinderleben. „Walter, können wir kuscheln?“, fragt Lisa mit leuchtenden Augen und staunt nicht schlecht, als ihre Eltern – mit Hilfe eines kräftigen Tritts in den Allerwertesten von Walter – sich letztlich plötzlich ihrer Rolle rückbesinnen. Sie stehen endlich vom Sofa auf, räumen auf, backen Pfannkuchen. Ein Stück heile (Familien-)Welt ist zurück.

Dem ein oder anderen mag dieser Wohlgefallen ein wenig zu viel Zuckerguss in diesem modernen Märchen voller Mut sein, das versöhnliche Ende stimmt aber hoffnungsfroh und rundet die fantastische Geschichte ab – auch wenn Kinder durchaus mehr vertragen können.

Mit „Mein ziemlich seltsamer Freund Walter“ (ab acht Jahre) hat Autorin Sibylle Berg ihr erstes Kinder- und Jugendstück geschrieben. 2014 war die Uraufführung des Miniaturdramas, jetzt hat sich das Staatstheater Oldenburg des wunderschönen Stücks angenommen. Es ist eine tieftraurige, berührende und zugleich höchst unterhaltsame, leichtfüßig erzählte Geschichte, die Katharina Birch einfühlsam inszeniert. 

Man weiß gar nicht, wohin man zuerst schauen und wem man folgen soll. Die Charaktere sind liebevoll skizziert, die Bühne – vorn links der Spielplatz mit Wipptieren, hinten rechts die Schule, in der Mitte Lisas Hochsitzzimmer – bietet reichlich zum Gucken und die eingespielte Musik samt Tanzeinlagen sorgt für noch mehr leichte Momente.

Das Team des Jungen Staatstheaters liefert mit dieser Inszenierung 70 rasante Minuten voller wunderschöner Bilder und reichlich Situationskomik. Rebecca Seidel ist eine mitreißende Lisa, die man am liebsten kräftig in den Arm nehmen würde. Das Publikum, ob klein oder groß, staunt gleichermaßen. Kann es ein schöneres Kompliment geben? Großer Applaus!

Nächste Nachmittagsvorstellungen am 6., 13., 26. Mai um 16 Uhr, Exerzierhalle, Oldenburg.

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