„Der moderne Stil überlebte“

Arie Hartog über die Bremer Bismarck-Statue

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Sitzt höher als einst der Kaiser: Adolf von Hildebrands Bismarck-Denkmal in Bremen. 

Bremen - Von Radek Krolczyk. In unserer neuen Reihe unterhalten wir uns mit Arie Hartog, dem Direktor des Bildhauermuseums Gerhard-Marcks-Haus, über Denkmäler in Bremen und ihre Bedeutung. In der ersten Folge geht es um den reitenden Bismarck, der direkt vor dem Dom steht.

Herr Hartog, warum steht Bismarck eigentlich am Dom?

Arie Hartog: Das liegt wohl daran, dass sein Denkmal sich ursprünglich auf ein anderes Denkmal bezog, das es nicht mehr gibt. Als die Bronzefigur des Münchner Bildhauers Adolf von Hildebrand 1910 aufgestellt wurde, stand direkt gegenüber noch das Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Dieses Standbild, das 1893 im Beisein des Kaisers eingeweiht worden war, war eine Zeit lang das zentrale Denkmal in Bremen, neben dem Rathaus, vor Unser Lieben Frauen Kirche. Ein grausiges, neubarockes Ding. Der Bildhauer Robert Bärwald hatte es entworfen. Der kaiserliche Staat hatte sich selbst sein imperiales Denkmal gebaut. Nun stellt sich die Frage, wer eigentlich auf einem Pferd sitzen darf? Der Kaiser, manchmal der König – auf keinen Fall aber ein Reichskanzler. Hildebrands Kanzler allerdings sitzt nicht nur auf einem Pferd, er sitzt auch noch höher, als es beim Kaiser der Fall war.

Wie sah die Kaiser-Statue aus?

Hartog: Vollkommen proportionslos, ein unförmiger Körper auf einem unförmigen Pferd, kurz und in der Gesamtform ähnlich dem Elefanten hinter dem Bremer Hauptbahnhof. Eine formal nicht durchdachte, visuelle Chiffre.

Bis wann stand diese Statue?

Hartog: Im Zweiten Weltkrieg wurde die Bronze für die sogenannte Metallspende eingeschmolzen. Das war bei vielen Denkmälern so. Man brauchte Metall für den Krieg. Daneben empfand man den Stil nicht mehr als künstlerisch wertvoll. Anfang des 20. Jahrhunderts dominierten zwei Richtungen in der Denkmalbildhauerei – kaiserliches Neobarock und Neoklassik. Wenn man heute durch Bremen läuft, sieht man aus dieser Zeit fast ausschließlich neoklassische Standbilder. So wie etwa Hildebrands Bismarck. Dieser moderne Stil richtete sich gegen den kaiserlichen Stil. Weil aber fast nur der moderne Stil im Stadtbild überlebte, denken wir, das sei die kaiserliche Bildhauerei. Wir sind nicht mehr in der Lage, zu differenzieren. Ein altes Denkmal ist für uns ein altes Denkmal.

Steht denn von diesen kaiserlichen, neobarocken Denkmälern heute kein einziges mehr in Bremen?

Hartog: Da wäre der Centaurenbrunnen von 1901, der heute in den Neustädter Wallanalagen steht. Ursprünglich stand er dort, wo heute die Dobben-Kreuzung ist. Das ist das idealste Exemplar neubarocker Denkmalsbildhauerei, das wir in Bremen heute haben. Es gibt noch ein Denkmal dieser Stilepoche, das nur zum Teil verschwunden ist – die Jünglingsstatue von Herbert Kubica in den Wallanlagen.

Wieso zum Teil? Der Jüngling steht ja noch.

Hartog: Er feierte den Sieg über die Bremer Räterepublik. Jürgen Waller, der ehemalige Direktor der Kunsthochschule, hat in den 80er-Jahren Häuserreste hinzugefügt. Nun erinnert es an die Zerstörung der tschechischen Stadt Lidice durch die Nazis. Waller hat mehr gemacht als das Denkmal nur umzuwidmen. Er hat es ergänzt und gilt nun als Urheber des gesamten Denkmals.

Nun haben wir über die Denkmäler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gesprochen. Aber es gibt ja noch ein paar ältere Denkmäler in Bremen.

Hartog: Ja, aber nur wenige. Das bekannteste ist natürlich der Roland von 1404.

Erschließt der sich leichter als der Bismarck?

Hartog: Überhaupt nicht. Er wurde zwar aus einem bestimmten Grund und mit einer bestimmten Legitimation aufgestellt, aber genau nachvollziehen können wir das heute nicht. Außerdem wird der Roland im Laufe der Jahrhunderte seine Bedeutung immer wieder verändert haben. Was erzählt man denn über den Roland, wenn man auswärtige Gäste durch die Stadt führt?

Er sei ein Monument für das Bürgertum und den Handel.

Hartog: So einfach ist das nicht. Wenn man als Tourist davorsteht und diesen Typen mit dem Schwert sieht – wo ist der Hinweis auf Bürgertum und freien Handel? Ist es vielleicht ein mit dem Schwert erzwungener freier Handel? Ich bin kein Experte für mittelalterliche Bildhauerei – ich denke aber, dass es ein Denkmal ist, mit dem die Stadt Bremen ihre Macht zeigt, über Leben und Tod zu entscheiden. Garantiert aber gibt es viele andere Geschichten, die die Bremer ihren Gästen zum Roland erzählen. Auf diese Weise funktionieren die meisten älteren Monumente. So kann man durch die Stadt laufen, von Denkmal zu Denkmal, und es entblättern sich ganz unterschiedliche Bedeutungsebenen und Geschichten.

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